Debatte um Herztod oder Hirntod in den USA

Wann ist ein Mensch tot? Die Frage ist für einen Organspender nicht so einfach zu beantworten und hatte in Deutschland vor 11 Jahren zu teilweise erbitterten Debatten geführt. Im Transplantationsgesetz ist dann der vollständige und irreversible Funktionsverlust von Grosshirn, Kleinhirn und Hirnstamm (Hirntod) als Kriterium für die Organentnahme, nach Zustimmung des Spenders oder der Angehörigen, festgelegt worden:
... endgültige, nicht behebbare Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms nach Verfahrensregeln, die dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft entsprechen, ...

Dagegen beginnt in den USA gerade eine breite öffentliche Diskussion um die Frage, wann bei einem potentiellen Organspender der Tod festgestellt wird. Initialzündung ist ein Artikel in der medizinischen Zeitschrift New England Journal of Medicine (NEJM), in dem ein Team aus Denver die Organentnahme bei drei Neugeborenen beschreibt, die mit schwersten Hirnschädigungen auf die Welt gekommen waren. Nach Abschaltung der lebenserhaltenden Maschinen waren bei den Spendern nach dem Herz-Kreislauf-Versagen (Herztod) die Herzen für eine Transplantation entnommen worden. Bei zwei Spendern warteten die Chirurgen gerade einmal 75 Sekunden bis zur Entnahme.

Die Spender waren Neugeborene mit Hirnschädigungen, die jedoch nicht die Kriterien des Hirntods erreichten. Die Empfänger waren Babys mit schweren Herzfehlern, in der höchsten Kategorie der Warteliste auf ein Transplantat.

Hier die Artikel der Washington Post und der NY Times.

Es stellen sich eine Menge ethischer Fragen. Grob der deutsche Ansatz: Der Mensch ist tot, wenn alle Hirnfunktionen endgültig ausgefallen sind, weil er nur über das Gehirn mit dieser Welt kommunizieren kann, als Person überhaupt sich entwickeln kann, und dieses Gehirn auch das innere Milieu des Körpers steuert. Wenn also alle Hirnfunktionen ausfallen, erlöschen alle Kommunikationsmöglichkeiten und alle Steuermöglichkeiten, die das Herz-Kreislauf-System in Gang halten. Und damit ist dem Menschen jede Lebensgrundlage entzogen.

In den USA ist die Frage der Todeskriterien für eine Organspende gesetzlich nicht klar geregelt. Etliche Organisationen drängen auf den Herztod als Definition des Todeszeitpunkts, da sie dadurch eine Erhöhung der Zahl der verfügbaren Organe erwarten. Im Jahr 2007 gab es nach den Zahlen des United Network for Organ Sharing in den USA 793 Organspender bei denen der Herztod als ausreichend für eine Organentnahme angesehen worden war. Das waren 10% aller postmortalen Organspender.

Die Brisanz hat auch das NEJM erkannt und dem Bericht drei Einschätzungen von Medizinethikern und Neurologen zur Seite gestellt, die alle frei im Internet zur Verfügung stehen. Ausserdem führte die Zeitschrift eine Gesprächsrunde mit den Medzinethikern George Annas, Arthur Caplan und Robert Truog durch, in der die wichtigsten Aspekte der Organspende nach Herz-Kreislauf-Versagen diskutiert werden.



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Eine ethisch interessanter Fall, der auch in Deutschland die Diskussion um Organspenden beeinflussen könnte. Zwar wurde letztes Jahr ein neuer Höchststand bei der Zahl der Organspender in Deutschland erreicht (1.313 Menschen spendeten nach ihrem Tod ihre Organe), jedoch ist der Bedarf an Transplantationen nach wie vor weit grösser als das Angebot, rund 12.000 Patienten warten auf ein Organ.

Grafik: Deutsche Stiftung Organtransplantation
 
[Public Health]
Autor: strappato   2008-08-15   Link   (2 KommentareIhr Kommentar  


mager   2008-08-15  
Die Kommentare und Editorials im NEJM decken viele Aspekte der Diskussion ab.
Erstaunlich finde ich, dass die Zeit von Asystolie bis Todeserklärung auf 75s. gesenkt wurde (vorher waren 120-300s. Minimum), da es keine Bericht zu sponaner Herzaktion nach 60s. gibt. Den üblichen Sicherheitsspielraum hielt man für obsolet.
Diskussionswürdig finde ich auch invasive Maßnahmen und Medikation vor Abschalten der Geräte und vor Tod. Diese sind potentiell schmerzhaft und nützen dem Spender nicht.


strappato   2008-09-18  
Hier ein Artikel der FAZ zu der Sache - 5 Wochen nach Erscheinen im NEJM.








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