Pharmaindustrie-Abwehr-Gesetz

Ein paar Aspekte, die bei der Diskussion über das Gesetz zur Stärkung des Wettbewerbs in der GKV (GKV-WSG) nicht erwähnt werden:

Das Gesetz wird die Weitergabe von Verordnungsdaten durch den Vertragsarzt stark einschränken. Bisher bekommen Unternehmen wie IMS Verordnungsdaten von den niedergelassenen Ärzten, um sie aufbereitet z.B. Pharmakonzernen zur Steuerung ihres Aussendienstes weiterzuverkaufen. In Artikel 1, Punkt 209 findet sich eine Änderung des § 305a SGB V.

Ist gesetzlich nichts anderes bestimmt, dürfen Vertragsärzte Daten über die von ihnen verordneten Arzneimittel nur solchen Stellen übermitteln, die sich verpflichten, die Daten ausschließlich als Nachweis für die in einer Kassenärztlichen Vereinigung oder einer größeren Region insgesamt in Anspruch genommenen Leistungen zu verarbeiten.

Eine Verarbeitung dieser Daten mit regionaler Differenzierung innerhalb einer kassenärztlichen Vereinigung, für einzelne Vertragsärzte oder Einrichtungen sowie für einzelne Apotheken ist unzulässig.

Da geht nicht um den Datenschutz, sondern die Pharmaindustrie soll nicht länger Kenntnisse über das Verschreibungsverhalten der Ärzte haben. Damit wird die Aufgabe der Pharmaberaters auf die eigentlichen Zwecke des Arzneimittelgesetzes zurückgeführt, nämlich die Information des Arztes, wie es im Kommentar heisst.

Die Pharmaindustrie wird sich andere Möglichkeiten einfallen lassen, um Streuverluste beim Marketing zu vermeiden. Die eigentlichen Verlierer werden die Pharmareferenten sein. Fällt doch ein elegantes Instrument weg, um Bonuszahlungen zu bestimmen. Jedoch werden auch anderen, z.B. der Wissenschaft diese Informationen über Wirkungsweise und Verbreitung von Medikamenten unter realen Bedingungen genommen. Man hat den Eindruck, dass Ulla Schmidt dem Leitspruch folgt: Unter Blinden ist die Einäugige Königin.

Aber die Pharmaindustrie muss noch mehr einstecken. So wird die Arzneimittelpreisverordnung auf „Höchstzuschläge“ umgestellt und die Möglichkeit umfangreicher Rabatte eingeräumt.

Ferner ist eine Liste mit besonderen Arzneimitteln vorgesehen, für die künftig eine ärztliche Zweitmeinung eingeholt werden muss. Näheres soll der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) in seinen Richtlinien, insbesondere Wirkstoffe, Anwendungsgebiete, Patientengruppen sowie Qualitätsanforderungen an die Ärzte, regeln.

Es kommt für die Pharmaindusrie noch dicker: im Punkt 16 in Artikel 1 des Gesetzentwurfes:
Für nicht-festbetragsgeregelte Arzneimittel setzen die Krankenkassen gemeinsam einen Höchstbetrag fest, welcher anteilige Entwicklungskosten berücksichtigt. Der Höchstbetrag kann auch im Einvernehmen mit den pharmazeutischen Unternehmen festgelegt werden.
Das bedeutet das faktische Ende der freien Preisgestaltung.

Damit noch nicht genug, die Kosten-Nutzen-Bewertung soll bei der Frage der Erstattung von Arzneimitteln eingeführt werden:
Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) nimmt die wirtschaftliche Bewertung des medizinischen Zusatznutzens vor. Die Kosten-Nutzenbewertung erfolgt durch einen Vergleich mit anderen Arzneimitteln und Behandlungsformen unter Berücksichtigung des therapeutischen Zusatznutzens für die Patienten im Verhältnis zu den Kosten.
Jedoch wurde erwartet, dass dies nach internationalen Standards erfolgt. Nun sind den politisch motivierten hausgemachten Methoden Tor und Tür geöffnet.

Da erscheint eine Änderung geradezu marginal: Die Mitglieder des Gemeinsamen Bundesausschusses sollen hauptamtlich tätig sein. Ist nur konsequent, denn wenn es Richtung Staatsmedizin geht, gibt es eine Menge für das Gremium zu tun.
 
[Reform]
Autor: strappato   2006-10-21   Link   (6 KommentareIhr Kommentar  


gn8   2006-10-22  
Selbst verschuldet?
Der Gemeinsame Bundesausschuss hat, ich kann es Ihnen versichern, schon lange genug zu tun. Benähmen sich die "Leistungserbringer", d.h. die finanziellen Nutznießer des Systems besser (im Sinne von Moral), dann wäre die Arbeit angenehmer und weniger.

Hat es sich die Pharmaindustrie (z.B.) mit ihren minimalen Aufwendungen für Forschung und Entwicklung, ihrer Verlagerung in die von hier aus nicht kontrollierbaren Auslanden, mit erkennbar überhöhten Preisen selbst bei "Banalarzneimitteln", ihrem "Kaufen" von Selbsthilfegruppen und ihrem Auftreten der Politik gegenüber nicht selbst so eingebrockt?

Während "unsere Staatsmedizin" bis jetzt ja mangels Existenz noch nicht so richtig zu beurteilen wäre (sind doch alles nur aus Angelsachsen übertragene Vorurteile) können wir uns doch ein Bild "unserer Pharma" machen. Und Angelsachsen: herrscht nicht dort gerade der libertäre Raubtierkapitalismus, den uns BPI und VFA hier immer als einzig seeligmachend predigen?


strappato   2006-10-22  
In England herrscht Staatsmedizin. Die angstellten Ärzte bekommen horrende Honorare, und die Patienten warten auf Operationen und Facharztbesuche.

Zu den überhöhten Preisen: ich weiss nicht, welche Studien Sie lesen, aber in meiner Berufspraxis sehe ich immer wieder, dass die Preise für patentgeschützte Arzneimittel sich im europäischen Vergleich sehen lassen können. Man muss bedenken, dass hier der Apothekenabgabepreis mit 16% Umsatzsteuer belastet ist. Das ist in vielen anderen Ländern nicht der Fall. Bei Generika ("Banalarzneimittel") war an den hohen Preise die "Staatsmedizin" mit schuld. Durch Festbeträge und Arzneimittelpreisverordnung wurde von der Politik ein hohes Preisniveau gehalten. Auch hier hätte mehr Wettbewerb zu niedrigen Preisen geführt. Der Anreiz, preiswerte Medikamente zuzahlungsfrei zu machen, war ein richtiger Schritt.

Zum Kaufen von Selbsthilfegruppen: Da gehören immer zwei dazu. Die Patientenverbände werfen sich oft gerne in die Arme der Sponsoren.


chat atkins   2006-10-22  
Finanzielle Kompensation erhoffen sie sich jetzt von der Persönliche Pille. Die Kampagne läuft an ...


strappato   2006-10-22  
ZEIT Wissen. Eine Veranstaltung mit Unterstützung durch den VFA. Unglaublich, zu was sich Verlage hergeben.

Massgeschneiderte Medikamente werden eine Goldgrube werden. Denn auch das Problem des Auslaufen des Patentschutzes entfällt teilweise, da die Wirkstoffe bio-/gentechnisch hergestellt werden.


drake   2006-10-22  
@pharma-kommunikation: "Zwei Mediziner wollten deutsche Ärzte darüber aufklären, welche Mittel wirksam und preiswert sind.(...)" http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/artikel/474/88386/


strappato   2006-10-22  
Who pays for the pizza: Medical journals' reliance on drug company advertising, company purchased reprints, and sponsored supplements.

"Der Hausarzt" ist offizielles Organ des Deutschen Hausärzteverbandes und die "Zeitschrift für Allgemeinmedizin" ist Organ der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin e.V. (DEGAM) und der Vereinigung der Hochschullehrer und Lehrbeauftragten für Allgemeinmedizin. Was aber die Fachgesellschaften oder die Mitglieder nicht besonders gestört hat. Denn deren Tagungen und Kongresse werden auch von den Pharmakonzernen gesponsert.

In der obigen verlinkten Liste: Attendance at sponsored scientific conferences.

Was dazu kommt. Die Artikelserie hatte ja was von Leitlinien. Das Wissen über Therapieleitlinien und deren praktische Anwendung ist in kaum einem Fachgebiet so schlecht, wie bei den Allgemeinmedizinern. Es interessiert sie nicht.








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