Wenig klar mit Klära

Novartis-Chef Daniel ­Vasella wurde vom Vatikan ausgeladen weil sein Unternehmen orale Kontrazeptiva herstellt. Ähnliches könnte Bild-Chef Kai Diekmann passieren, wenn der Papst von der redaktionell getarnten Werbung für eine neue Antibabypille in "Bild der Frau" erfährt.


Im Heft 8/2009 vom 14. Februar berichtet die von Diekmann herausgegebene Frauenzeitschrift begeistert von einer neuen Pille "mit natürlichen Hormonen". Qlaira® (gesprochen "Klära") heisst das Produkt von Bayer Schering Pharma, das im Januar zugelassen worden ist und demnächst auf den Markt kommen wird.
Die neue Pille ist eine kleine Revolution: Sie enthält - wie viele Pillen - die Hormone Östrogen und Gestagen. Doch ihr Östrogen ist erstmals ein natürliches und nicht mehr - wie bei allen Pillen seit über 50 Jahren - ein künstliches.

Der interviewte Frauenarzt erklärt in dem Artikel die Vorteile der neuen Pille und lässt Aussagen einfliessen, die durch Studien oder Erfahrungen nicht gedeckt sind.
Das künstliche Östrogen kann bei vielen Frauen unangenehme Nebenwirkungen hervorrufen: Kopfschmerzen, Migräne, Übelkeit, Wassereinlagerungen im Gewebe, Gewichtszunahme, starke Blutungen, Brustspannen, Wadenkrämpfe. Es kann außerdem Krampfadern und Thrombosen fördern, den Blutdruck erhöhen und das Wachstum von Myomen - gutartigen Gebärmuttergeschwulsten - fördern. Bei der neuen Pille ist das Risiko für solche Nebenwirkungen viel niedriger.
...
Die Blutung wird dadurch vergleichsweise kurz und schwach (3 Tage statt 5 bis 6). Und es ist zu erwarten, dass weniger Periodenschmerzen auftreten - die Studien dazu sind aber noch nicht abgeschlossen.

Im blau abgesetzten Kasten werden Ausagen aus einer Pressemitteilung von Bayer fast wörtlich wiederholt.
In einer großen Untersuchung im Jahr 2006 wurden 11.490 europäische Frauen danach gefragt, welche Anforderungen sie an ein Verhütungsmittel stellen. 70% der Befragten gaben an, dass es für sie sehr wichtig sei, dass das Mittel Hormone enthält, die auch natürlicherweise im Körper vorkommen.

Mit dem Unterschied, dass im Original es den Befragten "sehr wichtig oder wichtig" war, in der Bild-Erfolgsmeldung die Frauen es allesamt "sehr wichtig" finden.

Bayer hat auch mit einem Foto für den Artikel ausgeholfen und wirbt für Tabletten gegen Vaginalpilz prominent auf der rechten Halbseite des doppelseitigen Artikels.

Der Fall könnte als klassischer Verstoss gegen das Heilmittelwerbegesetz gewertet werden, nach dem Werbung auch das Ankündigen oder Anbieten von Werbeaussagen ist.

Bleibt die Frage: Nur schlechter Journalismus oder verdeckte vom Unternehmen geförderte Produktwerbung? Die Indizien für das letztere sind vielfältig. Jedoch ist die neue Pille für Bayer ein wichtiges Produkt, mit Umsatzerwartungen von bis zu 500 Millionen Euro jährlich. Eine solche Markteinführung wird üblicherweise von einer umfangreichen Kampagne begleitet. Davon ist bei einer google-Suche nach Qlaira® noch nichts zu sehen.

Dazu sind einige Antworten des Frauenarztes sicher nicht im Sinne des Hersteller, wie der Hinweis, dass es in "Testreihen vorher häufig zu Zwischenblutungen" mit dem Estradiol kam. Oder die eher abschreckend komplizierte Beschreibung der Einnahme und Wirkung.
Es ahmt weitgehend den natürlichen Zyklus mit seinen Hormonschwankungen nach: Zu Beginn dominiert das Östrogen, dann kommt das Gestagen hinzu, übernimmt für zweieinhalb Wochen die Hauptrolle, am Ende dominiert wieder das Östrogen. Sichtbar sind diese Schwankungen daran, dass die Pillen in der Packung fünf verschiedene Farben haben. Zuletzt nimmt man sogar zwei Pillen, die keine Hormone enthalten.
Dass der Experte bisher nicht besonders aufgefallen ist, weder medial, noch fachlich, spricht auch nicht für eine vom Unternehmen lancierte Berichterstattung.

In jedem Fall fragwürdiger Journalismus. Alles andere wird wahrscheinlich das Marketing von Bayer für die Pille in den nächsten Monaten zeigen.
 
[Klaera]
Autor: strappato   2009-03-02   Link   (0 Kommentare)  Ihr Kommentar  



 

Nachhaltigkeit & Ethik à la Novartis

Unser nachhaltiger wirtschaftlicher Erfolg ist Voraussetzung dafür, dass wir uns überhaupt und so stark im Bereich der sozialen Unternehmensverantwortung engagieren können.
Novartis-Chef Daniel ­Vasella in einem Interview mit der schweizer Zeitung Blick.

Alles eine Frage der Sichtweise. Man könnte auch argumentieren, dass erst die Preispolitik der Pharmaunternehmen Patienten in armen Ländern den Zugang zu Medikamenten erschwert.

Im Übrigen ist Vasella abgesetzt worden - nicht bei Novartis, sondern von einer höheren Macht. Der Novartis-Chef hätte im päpstlichen Radio an vier Samstagen über Ethik reden sollen.
Dazu kam es nicht, da der Vatikan erfahren hatte, dass Novartis auch Verhütungsmittel herstellt. Jedoch: Novartis vertreibt selber keine Kontrazeptiva. Hexal, die deutsche Tochterfirma von Sandoz, der Novartis-Generikadivision, hat Vasella den Auftritt vermasselt. Mit "Bella", "Lamuna" und "Leona" hat Hexal sogar drei der vom Papst geächteten Pillen im Angebot.

Schade, so wird die Öffentlichkeit nicht erfahren, wie sich die Unternehmensethik von Novartis mit den neuerlich gestiegenen Bonuszahlungen verträgt. Während sich die Novartis-Aktie einem neuen Tiefststand nähert, stiegen Vasellas bereits sehr ordentliche Bezüge von 34 Millionen Franken im Jahr 2007 im vergangenen Jahr auf 40 Millionen Franken (umgerechnet 27 Millionen Euro).
 
[Pharmaindustrie]
Autor: strappato   2009-03-01   Link   (0 Kommentare)  Ihr Kommentar  



 

Links am Samstag

Kosten-Nutzen-Bewertung von Medikamenten: Die Gesamtevidenz sollte berücksichtigt und bewertet werden - Der Leiter Forschung und Medizin bei GSK drängt auf längere Patentlaufzeiten.

Berlin will medizinische Versorgung von Menschen ohne Aufenthaltsstatus verbessern.
Montgomery fordert Krankenschein für Illegale.

Internet fördert neue Therapien - Krebspatienten, die sich im Internet und anderen Medien über ihre Erkrankung informieren, bekommen häufiger die neuesten Tumortherapien.

Job Survey: Pharma Workers Doing More But Feeling More Insecure.

Chemieunfall im Riechorgan - Sucht nach Nasensprays.

Berlin: Lungenkrebsforscher können sich weiterhin von der Tabakindustrie sponsern lassen.

Roche censured for gift vouchers to children - Roche was on Friday sharply rebuked by British regulators for offering £10 ($14) gift vouchers to children to persuade them to take one of its medicines.

US Physicians Sharply Increase Their Negative Word of Mouth about Pharma, with EU Doctors Also Expressing High Dissatisfaction.

Medtronic to Report Pay to Doctors Who Get $5,000 Annually.

Historical overview of spinal deformities in ancient Greece - sehr schöner Artikel für medizinhistorisch Interessierte.
 
[Links]
Autor: strappato   2009-02-28   Link   (0 Kommentare)  Ihr Kommentar  



 



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