Vergiss mein nicht

Wie weit die Pharmaindustrie in den medizinisch-wissenschaftlichen Betrieb involviert ist und wie eng die Beziehungen sind, ist mir heute wieder einmal aufgefallen. Da gibt eine Gesellschaft Women in Neuroscience, die sich die Förderung von Frauen in den Neurowissenschaften auf die Fahnen geschrieben hat.

Das geschieht auch in Form von Verleihungen wissenschaftlicher Preise, für die bei den Preisen für junge Wissenschaftlerinnen Pharmakonzerne das Sponsoring übernehmen. So gibt es einen Young Investigator Award, gesponsert von Merck, Travel Awards, gesponsert von Lilly und Pfizer und einen Excellence in Publications Award, wiederum von Merck gesponsert.

Das könnte man als Forschungsförderung bezeichnen, aber dafür sind die Beträge zu klein. Peanuts für Pharmakonzerne. Stattdessen trägt es zur Verbesserung des Images bei. Für die Preisträgerinnen ist es die erste Anerkennung ihrer wissenschaftlichen Arbeit - oft verbunden mit einer Verleihung vor dem Tagungsplenum, Dinner mit dem Sponsor in Anwesenheit angesehener Wissenschaftler - und nicht zuletzt ist es ein Pluspunkt in ihrer wissenschaftlichen Vita. Sie werden auf lange Zeit eine positive Erfahrung mit dem Unternehmen verbinden. Wie heisst es am Ende in Casablanca: I think this is the beginning of a beautiful friendship.
 
[Wissenschaft]
Autor: strappato   2006-10-26   Link   (0 Kommentare)  Ihr Kommentar  



 

Praktische Ethik

Es ist ja nicht so, dass es keine rechtlichen bzw. standesrechtlichen Regelungen oder andere kodifizierte Verhaltensempfehlungen für die Beziehungen der am Gesundheitswesen Beteiligten - z.B. Ärzte, Mitarbeiter von Pharmaunternehmen, andere Dienstleister - gibt. Ein paar Beispiele: Es stellt sich die Frage, ob diese umfangreiche Sammlung die Bedeutung der ethischen Handelns in der Medizin bekundet, oder nur Folge der häufigen Verstösse gegen allgemein anerkannte Verhaltensregeln ist. Das letztere ist wohl leider richtig, wie Untersuchungen und Skandale belegen. Und es ist anzunehmen, dass es trotz der Verhaltensregeln, unethische oder nicht vom Gesetz gedeckte Praktiken gibt, deren Aufdeckung weitere Kodizes und Gesetze nach sich ziehen.

Am Ende dreht sich alles um das Wohl des Patienten. Dabei haben die meisten Beteiligten nur indirekt Kontakt zum Patienten. Mittler ist oft der Arzt. Es lohnt daher, das ethische Konzept des Arztes in die eigenen Handlungen mit einzubeziehen.

Allgemein anerkannt sind vier ethische Grundsätze einer professionellen ärztlichen Arbeit, die nicht durch Beziehungen zur Industrie verletzt werden dürfen:
  1. Ärzte müssen im besten Interesse der Patienten handeln (Benefiz).
  2. Ärzte müssen Patienten vor Schaden bewahren (Nonmalefiz).
  3. Ärzte müssen Patienten und deren Willen respektieren und einen aufgeklärten Konsens anstreben (Autonomie).
  4. Ärzte müssen die dem Gesundheitssystem zur Verfügung stehenden Mittel problembezogen auf alle Patienten verteilen (Gerechtigkeit).
Speziell der vierte Punkt wird zukünftig an Bedeutung gewinnen. Nicht von ungefähr befasst sich der Nationale Ethikrat in seiner Jahrestagung mit dem Thema: Gesundheit für alle - wie lange noch? Rationierung und Gerechtigkeit im Gesundheitswesen.

Wenn man sich diese 4 Grundsätze vor Augen hält, dann sind viele Marketing-Praktiken, besonders im Pharmaaussendienst, unethisch. Zuwendungen für Ärzte, die Patienten auf neue Präparate umgestellt haben (oft in Form von Honoraren für Anwendungsbeobachtungen), stossen auf die Frage der Interesssen des Patienten und des aufgeklärten Konsenes. Ebenso bedeutet das aggresive Vermarkten eines teuren Medikaments - ohne spezielle Indikation - unter den Bedingungen der Arzneimittelrichtgrössen, dass der Arzt andere Patienten aus Kostengründen nicht die benötigten Medikamente verschreiben kann.

Noch ein paar praxisnahe Literaturtipps für diejenigen, die sich mit dem Thema befassen wollen - oder beruflich befasst sind:

Schabbeck J, Graf V. Drittmittel im klinischen Alltag - Über den richtigen Umgang mit Förderungen aus der Wirtschaft. f&w 2004;21:298-303.

Fenger H, Göben H (Hrsg). Sponsoring im Gesundheitswesen - Zulässige Formen der Kooperation zwischen medizinischen Einrichtungen und der Industrie. München: Verlag C.H. Beck 2004.

Karsten K. Sponsoring oder Bestechung - Die Grenzen der Zusammenarbeit zwischen der pharmazeutischen Industrie und leitenden Krankenhausmitarbeitern. f&w 2003;20:612-619.

Wager E. How to dance with porcupines: rules and guidelines on doctors' relations with drug companies. BMJ 2003;326:1196-1198.

Coyle SL. Physician–Industry Relations. Part 1: Individual Physicians. Ann Intern Med 2002;136:396-402.

Coyle SL. Physician–Industry Relations. Part 2: Organizational Issues. Ann Intern Med 2002;136:403-406.

Snyder L, Leffler C, for the Ethics and Human Rights Committee, American College of Physicians. Ethics Manual
Fifth Edition. Ann Intern Med 2005;142:560-582.
 
[Ethik & Monetik]
Autor: strappato   2006-10-25   Link   (4 KommentareIhr Kommentar  



 

Vorbildliches System

Stellen Sie sich also vor, Ihr Haus-, Frauen-, Kinder- und wahrscheinlich auch Tierarzt ist eine Person. Medizinische Grundversorgung hin oder her. Wenn es ernst wird, wollen Sie eine anständige Behandlung, auch mal einen Spezialisten. Wer also mehr als nur ein Rezept verschrieben haben möchte, reist nach Deutschland und lässt sich dort behandeln. Zwischen Düsseldorf und Mönchengladbach stellen Arztpraxen mittlerweile holländische Krankenschwestern ein, um für die vielen Patienten aus dem Westen besser gewappnet zu sein. So kann man seine Gesundheitsversorgung auch retten: die kostspieligen Behandlungen einfach auslagern.
Michael Streck erläutert in der TAZ die Wahrheit über die Niederlande.

Das Gesundheitsssystem in den Niederlanden wird ja gerne als Vorbild für die deutsche Reform dargestellt: Abgeordnete loben niederländisches Gesundheitssystem.
 
[Ausland]
Autor: strappato   2006-10-24   Link   (0 Kommentare)  Ihr Kommentar  



 



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