Transparenz wie es LobbyControl versteht

Bei "LobbyControl" kann man die PR-Kampagne der Agentur Weber Shandwick für den BVMed für die "Lobbykratie-Medaille" wählen. LobbyControl will mit der Lobbykratie-Medaille zu mehr Transparenz beitragen und manipulative, irreführende oder undemokratische Lobbyarbeit ins Rampenlicht rücken.

Ein wenig Transparenz würde auch den Lobby-Wächtern gut stehen. Als Medium, die den Fall aufgedeckt habe, wird die "ZEIT" genannt. Der Artikel datiert vom 12.05.2010. Hier im Blog war die Kampagne schon zwei Jahre zuvor Thema, inklusive des Schreibens an die Verbände, die beweist, dass Weber Shandwick aktiv für Teilnahme an der "Betroffenen-Initiative" geworben hat.

Der Blogbeitrag hat zu Diskussionen in der Selbsthilfe-Szene geführt und ein Disaster bei der PR-Arbeit ausgelöst. Abgesagte Veranstaltung im März 2009. Im weiteren Verlauf verliess im November 2009 die Landesvereinigung Selbsthilfe Berlin als letzte renomierte Organisation die BVMed-PR-Kampagne, nicht ohne die Blogbeiträge als Argumente in der Abstimmungsvorlage.

Der Gipfel war im September 2010 als Weber Shandwick zu einer gesundheitspolitischen Bootsfahrt über die Spree eingeladen hatte. Die Agentur musste auf Grund des Blogbeitrags aufmerksam gewordene kritische Journalisten mit an Bord nehmen und dem Vernehmen nach stiess das auf ziemliche Verärgerung, bei Weber Shandwick wie auch den geladenen Gesundheitspolitik-Grössen.
 
[Ethik & Monetik]
Autor: strappato   2011-11-04   Link   (0 Kommentare)  Ihr Kommentar  



 

Ware Gesundheit


 
[Ethik & Monetik]
Autor: strappato   2011-07-27   Link   (2 KommentareIhr Kommentar  



 

Interessenkonflikte: Kollektive Amnesie bei Demenz-Leitlinie

Leitlinien-Autoren, ihre finanziellen Verbindungen zur Pharmaindustrie und deren dummdreiste Verschleierung waren erst kürzlich Thema hier im Blog.

Heute geht es um das gleiche Thema, konkret um Merkwürdigkeiten rund um das Mammutwerk "S3-Leitlinie Demenzen", die im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde. An ihrer Erstellung waren insgesamt 11 medizinische Fachgesellschaften, 7 nicht-medizinische Gesellschaften und 14 Verbände beteiligt. Federführend dabei waren die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), bekannt für die herausragenden Verbindungen vieler ihrer Protagonisten zur Pharmaindustrie, und die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). Thematisch geht es um die Diagnostik und Therapie aller Demenztypen (insb. der Alzheimer Demenz) sowie um die Diagnose und das "Management" der "leichten kognitiven Störung" bis hin zur Prävention von Demenzen. Ohne Zweifel ein bedeutender Markt mit exzellenten Wachstumsaussichten.

In der pdf-DateiS3-Leitlinie Demenzen selbst sind keine Interessenkonflikte der Autoren angegeben. Statt dessen findet sich in dem Dokument aber im Abschnitt "Interessenkonflikte" ein Hinweis auf den zugehörigen pdf-Datei
Methodenreport und Evidenztabellen zur S3-Leitlinie Demenzen, erschienen im November 2009.

Blättert man in diesem Dokument bis Seite 113/114, stößt man tatsächlich auf eine Tabelle mit Angaben zu den Interessenkonflikten der beteiligten Experten. Diese möchte ich in ihrer Fulminanz ungekürzt wiedergeben:




Potzblitz! Ein ganzer Bus voller Demenz-Experten ohne Verbindungen zur Pharmaindustrie! Wäre in diesem Moment ein Schwarm von 68 blau-rosa karierten Elefanten in V-Formation am Himmel vorbeigezogen, ich hätte ihn mit weniger Verwunderung zur Kenntnis genommen.

Aber schon in Zeile 5 weicht meine freudige Überraschung einem hysterischen Lachen. Und dann beschließe ich, den blitzsauberen Damen und Herren Experten einmal der Reihe nach auf den Zahn zu fühlen.

Zur Marktsituation: Finanzkräftige Sponsoren mit besonderem Interesse an den Formulierungen dieser Leitlinie sind besonders im Bereich Alzheimer-Demenz zu vermuten. Fast alle namhaften Pharma-Unternehmen entwickeln in diesem Bereich Produkte, allerdings ist die Zahl der auf dem Markt verfügbaren Medikamente überschaubar: Es gibt die drei Acetylcholinesterase-Hemmer Donepezil (Aricept®, Hersteller: Eisai/Pfizer), Rivastigmin (Exelon®, Hersteller: Novartis) und Galantamin (Reminyl®, Hersteller: Janssen-Cilag) sowie den NMDA-Antagonisten Memantin (Ebixa®, Hersteller Lundbeck, Axura®, Hersteller: Merz). Daneben werden gerne noch Ginkgo-Präparate (Hersteller u.a. Schwabe) gegeben.

Der Nutzen all dieser Präparate geht gegen Null. Ob der marginale Nutzen der Acetylcholinesterase-Hemmer ihre Schadwirkungen rechtfertigt, ist immerhin noch umstritten. Das aggressiv beworbene und in Deutschland häufig verschriebene Memantin war immer wieder Thema hier im Blog. Es ist von unabhängiger Seite wiederholt als vollkommen ohne Nutzen bewertet worden. Und auch Ginkgo schneidet nicht besser ab; seine Wirkung entspricht der einer Zuckerpille.

Auf die genannten Firmen wäre also besonders zu achten. Maximal 3 Suchmaschinenanfragen pro Nase gönne ich jedem Experten, also nur einen Schnelltest mit einer vermutlich noch recht hohen Falsch-Negativ-Rate. Mein besonderer Dank geht an dieser Stelle wieder einmal an die "Ärzte-Zeitung", die das umfangreichste deutsche Mietmaul-Event-Archiv betreibt.

Das Ergebnis stelle ich in einer Tabelle dar, die ich gegenüber der ursprünglichen Darstellung um eine Spalte erweitert habe:

Autor/Experte/Teilnehmer Konsensusprozess
(in alphabetischer Reihenfolge)
Angabe von möglichen Interessenskonflikten, laut Methodenreport und Evidenztabellen zur S3-Leitlinie Demenzen (November 2009), S. 113 f.Marketingauftritte für und/oder anders geartete finanzielle Verbindungen* mit folgenden Pharma-Unternehmen (Auswahl, Quelle: eigene Recherchen, vgl. den jeweils angegebenen Link).

*Nicht in jedem Einzelfall kann sichergestellt werden, dass die genannte Verbindung in den Fünfjahreszeitraum fällt, der bei der Selbstauskunft der Experten zu berücksichtigen war.
Dr. Jens Bohlken Keine Merz
Torsten Bur Keine
Prof. Dr. Pasquale Calabrese Keine Jannsen-Cilag
Prof. Dr. Günther Deuschl Keine Orion, Pfizer, Medtronic
Prof. Dr. Hans-Christoph Diener Keine AstraZeneca, Parke-Davis, GlaxoSmithKline, MSD, Pfizer, Lilly, Böhringer Ingelheim, Asta Medica, BASF, Knoll, Bayer Vital, Bristol-Myers Squibb, Fresenius, Grünenthal, Janssen Cilag, 3M Medica, Novartis, Pharmacia & Upjohn, Sanofi-Synthelabo, Schering, UCB, Allergan, Allmiral Spain Schaper & Brümmer, Johnson & Johnson, La Roche, Servier, Abbott, Eisai, Weber & Weber
Prof. Dr. Richard Dodel Keine Merz
Beatrix Evers-Grewe Keine
Prof. Dr. Klaus Fassbender Keine Eisai, Pfizer
PD Dr. Ulrich Finckh Keine
Dr. Simon Forstmeier Keine
Prof. Dr. Jürgen Fritze Keine Boehringer Ingelheim/Lilly
Prof. Dr. Lutz Frölich Keine Merz, Eisai, Pfizer
Michael Ganß Keine
Prof. Dr. Thomas Gasser Keine
Sabine George Keine
Prof. Dr. Hermann-Josef Gertz Keine Merz
Prof. Dr. Elmar Gräßel Keine Eisai, Pfizer
Dr. Manfred Gogol Keine
Carola Gospodarek Keine
Prof. Dr. Hans Gutzmann Keine Merz, Eisai, Pfizer
Prof. Dr. Gerhard Hamann Keine Bristol Myers Squibb, Boehringer Ingelheim, Eisai, Sanofi Synthelabo
Prof. Dr. Harald Hampel Keine
Hildegard Hegeler Keine
Prof. Dr. Hans-Jochen Heinze Keine
Prof. Dr. Michael Heneka Keine Wyeth
Prof. Dr. Isabella Heuser Keine
Prof. Dr. Helmut Hildebrandt Keine
PD Dr. Werner Hofmann Keine
Prof. Dr. Michael Hüll Keine Merz
Prof. Dr. Ralf Ihl Keine Schwabe
Prof. Dr. Thomas Jahn Keine
Sabine Jansen Keine Merz
PD Dr. Frank Jessen Keine
Claudia Keller Keine
Manfred Koller Keine
Prof. Dr. Ina Kopp Keine
Prof. Dr. Johannes Kornhuber Keine Merz, Lundbeck, Sanofi, Astra Zeneca, Novartis, Hormosan Kwiszda, Schwabe, Eisai
Prof. Dr. Alexander Kurz Keine Novartis, Lundbeck, Eisai, Pfizer
Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Christoph Lang Keine
Heinz Lepper Keine
Prof. Dr. Wolfgang Maier Keine Bristol Myers-Squibb
Prof. Dr. Dr. Andreas Märcker Keine
PD Dr. Moritz Meins Keine
Prof. Dr. Rüdiger Mielke Keine
PD Dr. Brit Mollenhauer Keine Boehringer-Ingelheim, Novartis, GlaxoSmithKline, Bayer Schering Pharma AG
Carmen Mothes-Weiher Keine
Dorothea Muthesius Keine
Prof. Dr. Hans-Georg Nehen Keine Janssen-Cilag
Prof. Dr. Wolfgang Oertel Keine Boehringer Ingelheim, Cephalon, Desitin, Eisai, GE Health Care, GlaxoSmithKline, Meda, Merck-Serono, Neurosearch, Novartis, Orion, Pfizer, Schering-Plough, Solvay, TEVA/Lundbeck, Schwarz/UCB Pharma
Prof. Dr. Markus Otto Keine
Prof. Dr. Walter Paulus Keine
Prof. Dr. Johannes Pantel Keine Merz
Dr. Oliver Peters Keine
Prof. Dr. Heinz Reichmann Keine Boehringer Ingelheim, Schwarz Pharma, Pfizer, GSK
Prof. Dr. med. Dipl-Phys. Matthias Riepe Keine Merz, Eisai, Pfizer, Lundbeck
Dr. Barbara Romero Keine
Prof. Dr. Klaus Schmidtke Keine Merz, Janssen-Cilag u.a.
Prof. Dr. Mathias Schreckenberg Keine
Prof. Dr. Johannes Schröder Keine
Prof. Dr. Jörg Schulz Keine Merz, Pohl-Boskamp
Dr. Annika Spottke Keine
Dr. Roland Urban Keine
Dr. Dieter Varwig Keine
Prof. Dr. Christine A.F. von Arnim Keine
Prof. Dr. Claus-W. Wallesch Keine Merz
Franz Wagner Keine
Prof. Dr. Markus Weih Keine
Prof. Dr. Jens Wiltfang Keine Eisai, Pfizer

 
[Ethik & Monetik]
Autor: hockeystick   2010-10-18   Link   (12 KommentareIhr Kommentar  



 

Ausschließlich bis 2008

Interessenkonflikte von Leitlinienautoren waren und sind immer wieder ein Thema hier im Blog. Leitlinienautoren besitzen im Bereich Pharma und Medizintechnologie einen enormen Einfluss auf die Verkaufszahlen von Produkten. Denn natürlich führt die leitlinienkonforme Therapie automatisch zu einem Klingeln in den Kassen derjenigen Hersteller, deren Produkte es zu einer wohlwollenden Erwähnung in den Leitlinien geschafft haben.

Umso stärker sind Leitlinienautoren und solche, die es einmal werden könnten, als "Berater" der pharmazeutischen Industrie gefragt. Denn kaum eine Investition dürfte in der Branche, die ohnehin nicht über karge Renditen klagen muss, einen günstigeren ROI aufweisen als der Einkauf dieser Experten.

So verwundert es nicht, dass die Empfehlungen vieler Leitlinien in diametralem Gegensatz zu den Einschätzungen unabhängiger Experten stehen. Auch Medikamente, deren Nutzen fraglich und deren Schadenspotential groß ist schaffen es regelmäßig zu einer positiven Erwähnung. Um den beißenden Geruch von Korruption zu mildern, den viele Leitlinien schon beim Öffnen verströmen, werden die Interessenkonflikte der Autoren meist gar nicht erst publik gemacht.

Erwartet das Publikationsorgan aber eine Interessenskonflikterklärung, dann wird eben gelogen, dass sich die Balken biegen:

(Mehr zum Casus Schmiegel hier.)

Einen schönen Überblick über die Misere bietet ein jüngst erschienener Artikel von Erich Lederer im DocCheck-Newsletter.

Seit der aktuellen Ausgabe des Ärzteblattes gibt es nun eine neue Entwicklung zu vermelden. Denn auf einmal scheint es den Leitlinienautoren (hier aus dem besonders lukrativen Bereich Psychiatrie) fast ein wenig peinlich zu sein, in der Vergangenheit von den Herstellern der von ihnen besprochenen Produkte Geld bezogen zu haben, und sie geben sich vollständig geläutert:
Martin Härter hat 2008 Vortragshonorare der Firmen Lilly und Boehringer-Ingelheim erhalten. Isaac Bermejo hat bis 2008 Vortragshonorare der Firma Böhringer-Ingelheim und Wyeth-Pharma erhalten.

Frank Schneider hat ausschließlich bis 2008 Vergütungen für Vorträge und Mitwirkung in External Advisory Boards erhalten von AstraZeneca, Janssen-Cilag, Otsouka und Wyeth.

 
[Ethik & Monetik]
Autor: hockeystick   2010-10-11   Link   (2 KommentareIhr Kommentar  



 

Nur wenig zusätzliche Tote

Medizinprofessoren verbindet mit ihren niedergelassenen Kollegen vor allem eines: Sie sind notorisch unterbezahlt.

Während sie ihre karge Besoldung durch die Behandlung von Privatpatienten bekanntlich nur unter großen Mühen und kaum nennenswert aufbessern können, erlaubt es die Tätigkeit als Meinungsbildner für die Pharmaindustrie, mit überschaubarem Zeitaufwand und ohne die Begegnung mit unappetitlichen Körpersäften das Familieneinkommen spürbar zu korrigieren.

Auf diese Weise reicht das Geld eben nicht nur für das Notwendigste, sondern es ist vielleicht auch mal ein Kinobesuch für die Kinder drin oder ein Selbstbau-Car-Port vom Baumarkt, damit Mausis Einkaufs-Cayenne nicht im Freien stehen muss, für den in der Doppelgarage vor dem bescheidenen Wochenenddomizil in Garmisch kein Platz mehr ist.

Meist agieren Meinungsbildner unauffällig und weitgehend im Verborgenen. Den gelegentlichen Spott der Kollegen blenden sie aus. Es machen ja sowieso fast alle mit bei diesem Spiel. Was ist schon dabei, die Umsatzzahlen der einen oder anderen Arznei ein wenig anzukurbeln? In Wahrheit nehmen sich die ganzen Mittelchen doch sowieso nicht viel. Und, bei Lichte betrachtet, ist das Leben der Patienten so oder so von endlicher Dauer.

Leicht verdientes Geld also. Und doch hat die Tätigkeit ihre Schattenseiten. Ein leicht mulmiges Gefühl könnte auch einen hartgesottenen Meinungsbildner überkommen, wenn ein Medikament, das er gegen Bezahlung jahrelang in Vorträgen und Pressestatements angepriesen hat, wegen tödlicher Nebenwirkungen ins Gerede kommt. Vioxx® war ein solcher Fall, unter dem Strich stehen vermutlich mehrere zehntausend Todesopfer. Aber letzten Endes, so kann man das Problem als Meinungsbildner vielleicht verarbeiten, letzten Endes ist ja doch wohl jeder Arzt selbst dafür verantwortlich, was er seinen Patienten verschreibt. Oder etwa nicht?

In Deckung gehen und abwarten wäre also die Strategie der Wahl bei solchen Krisen. Doch so einfach ist es nicht: Genau dann, wenn das Wetter für ein Präparat rauer wird, gerade dann müssen die Experten raus und in die Bütt. Die Botschaft ist immer die gleiche: Alles nicht so schlimm. Zu kleine Fallzahlen. Zufallsbefund. Warnsignale werden überbewertet. Bloß nicht die Patienten verunsichern. Weiter verschreiben, bis die nächste Studie in fünf Jahren beendet ist. Vielleicht weiß man dann mehr. Vielleicht auch erst in zehn Jahren.

Und jetzt zu etwas völlig anderem: Prof. Hermann Haller von der Med. Hochschule Hannover und eine Gruppe von Fachkollegen erklären, warum sich Ärzte und Patienten durch die Verfünffachung der kardiovaskulären Todesfälle unter dem Blutdrucksenker Olmesartan gegenüber Placebo (siehe auch hier) in einer von Haller geleiteten herstellerfinanzierten Studie auf gar keinen Fall verunsichern lassen sollten:
Haller maintained that the number of CV deaths "was few"—15 in the olmesartan arm compared with three in the placebo group—considering that there were almost 5000 participants in the trial and it lasted nearly four years.

 
[Ethik & Monetik]
Autor: hockeystick   2010-06-24   Link   (5 KommentareIhr Kommentar  



 

Interessenkonflikte: Professor Schmiegel legt nach

Ein kleiner Nachtrag zu unserer Geschichte über die falsche Interessenkonflikterklärung des Krebsspezialisten und Leitlinienautors Professor Wolff Schmiegel im "Deutschen Ärzteblatt".

Einige Zeit nach Veröffentlichung unseres Artikels und einer Nachfrage beim "Deutschen Ärzteblatt" hatte die Zeitschrift im Rahmen einer "Berichtigung" eine korrigierte Erklärung von Schmiegel und zwei seiner Mitautoren veröffentlicht.

Bei aufmerksamer Durchsicht der korrigierten Erklärung konnte einen ein Punkt stutzig machen: Während der mühevollste Teil meiner Recherchen nahegelegt hatten, dass Schmiegel neben anderen Geldflüssen vom Pharmakonzern Roche von diesem auch Forschungsgelder erhalten hatte (siehe Punkt "Oktober 2006"), fand sich von solchen Zuwendungen kein Wort in seiner korrigierten Erklärung. Sollte also der Anschein in diesem einen Punkt getrogen haben?

Offenbar nicht. Denn zum Abschluss der Diskussion des Beitrags in der aktuellen Ausgabe des Ärzteblattes findet sich ein Schlusswort von Wolff Schmiegel und ein neues Interessenkonflikt-Statement. Und dieses unterscheidet sich in einem gar nicht unwesentlichen Detail von den bisher nachträglich eingeräumten Zuwendungen (Hervorhebung von mir):
Prof. Schmiegel hat Referentenhonorare von den Firmen Merck, Roche, Abbott, Amgen, Pfizer, Falk und Astra-Zeneca erhalten. Ferner erhielt er Reisekostenunterstützung von den Firmen Roche, Merck, Astra-Zeneca und wurde für seine beratende Tätigkeit von den Firmen Roche, Amgen und Astra-Zeneca honoriert. Er erhielt Forschungsprojektunterstützung von Roche und Sanofi-Aventis.

Während an seiner engen Verbindung zu Roche auch vorher schon kein Zweifel mehr bestehen konnte, ist mit Sanofi-Aventis noch ein weiterer bedeutender Anbieter von Krebsmedikamenten in die Liste aufgerückt.
 
[Ethik & Monetik]
Autor: hockeystick   2010-06-10   Link   (1 KommentarIhr Kommentar  



 

taz wundert sich über rätselhafte Berichtigungen im Deutschen Ärzteblatt

Die Tageszeitung "taz" berichtet über Interessenkonflikte im Gesundheitswesen und widmet sich besonders der Frage, wie das Deutsche Ärzteblatt (DÄB) mit den finanziellen Verbindungen seiner Autoren umgeht.

Aufgefallen ist dem Autor Klaus-Peter Görlitzer folgendes:
Es tauchen auch immer mal wieder nachgereichte Erklärungen zu Interessenkonflikten auf - mit Angaben, die AutorInnen beim Abgeben ihres Originalmanuskripts wohl vergessen hatten.

[...]

Durch wen oder was Berichtigungen veranlasst wurden, teilt die DÄB-Redaktion leider regelmäßig ebenso wenig mit wie die Höhe der finanziellen Zuwendungen.

Der zweite Teil der Fragestellung ist in der Tat interessant. Zum ersten Teil habe ich zumindest eine Theorie:
Kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien
Kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien (III)
 
[Ethik & Monetik]
Autor: hockeystick   2010-06-09   Link   (3 KommentareIhr Kommentar  



 

Berichtigung im Deutschen Ärzteblatt (II) (Update)

Vorher:
Interessenkonflikt
Die Autoren Schmiegel, Rödel und Pox erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

Nachher:
Die Autoren Prof. Schmiegel, Dr. Pox und Prof. Rödel haben ihre Interessenskonflikte zum Manuskript „Klinische Leitlinie – Kolorektales Karzinom“ im Deutschen Ärzteblatt vom 21. Dezember 2009 (Heft 51–52) korrigiert:

Prof. Schmiegel hat Referentenhonorare von den Firmen Merck, Roche, Abbott, Amgen, Astra-Zeneca, Pfizer und Falk erhalten. Ferner erhielt er Reisekostenunterstützung von den Firmen Roche, Merck, Astra-Zeneca und wurde für seine beratende Tätigkeit von den Firmen Roche, Amgen und Astra-Zeneca honoriert.

Dr. Pox erhielt Honorare für Vorträge von den Firmen Falk, Astra-Zeneca und Hitachi und Reisekostenunterstützung von der Firma Roche.

Prof. Rödel wurde für seine Vorträge von den Firmen Roche und Sanofi-Aventis honoriert und für Forschungsprojekte von der Firma Merck unterstützt.

Exklusiv in der Stationären Aufnahme folgt nun die vollständige und korrigierte Interessenkonflikterklärung zur Klinischen Leitlinie "Kolorektales Karzinom" im Überblick:

Prof. Schmiegel hat Referentenhonorare von den Firmen Merck, Roche, Abbott, Amgen, Astra-Zeneca, Pfizer und Falk erhalten. Ferner erhielt er Reisekostenunterstützung von den Firmen Roche, Merck, Astra-Zeneca und wurde für seine beratende Tätigkeit von den Firmen Roche, Amgen und Astra-Zeneca honoriert. Dr. Pox erhielt Honorare für Vorträge von den Firmen Falk, Astra-Zeneca und Hitachi und Reisekostenunterstützung von der Firma Roche. Prof. Rödel wurde für seine Vorträge von den Firmen Roche und Sanofi-Aventis honoriert und für Forschungsprojekte von der Firma Merck unterstützt. Herr Porschen gibt Vortragshonorare von Sanofi-Aventis, Pfizer und Roche sowie Studienunterstützung von Roche und Sanofi an. Herr Arnold erhielt Honorare für Vorträge von Roche, Sanofi-Aventis, Pfizer, Merck und Amgen, Reisekostenübernahmen von Roche, Sanofi-Aventis, Pfizer und Merck sowie Studienunterstützung von Roche, Sanofi-Aventis und Pfizer. Frau Reinacher-Schick gibt Referentenhonorare von Amgen, Roche, Sanofi und Pfizer sowie Projektförderung von Roche und Sanofi an.
--

Update, 10.6.2010

Interessenkonflikte: Professor Schmiegel legt nach
 
[Ethik & Monetik]
Autor: hockeystick   2010-02-05   Link   (4 KommentareIhr Kommentar  



 

Problem der Interessenskonflikte bei Leitlinen-Autoren

Die Vergesslichkeit eines Experten bei der Angabe möglicher Interessenskonflikte in Therapieleitlinien, sind kein Einzelfall. Es wird geschätzt, dass sich in der Mehrzahl der S2- und einem grossen Teil der S3-Leitlinien keinerlei Angaben zu Interessenkonflikten der Autoren finden lassen. Individelle und direkt einsehbare Angaben zu Interessenskonflikten der Autoren sind die Ausnahme.

Das Problem ist bekannt und beschäftigte im Dezember die Leitlinien-Beauftragten der AWMF-Mitgliedsgesellschaften in ihrer Konferenz. Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) ist der Dachverband von 154 medizinischen Fachgesellschaften und koordiniert seit 1995 die Entwicklung von medizinischen Leitlininien in Deutschland.

Die Betroffenen, Fachgesellschaften wie Leitlinienautoren, können sich nicht mit neuen Anforderungen und einer wachsenden Sensibilisierung in Sachen Interessenskonflikte herausreden. AWMF und das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ), eine gemeinsame Einrichtung von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung, haben 2005 ein "Deutsches Instrument zur methodischen Leitlinien-Bewertung" (DELBI) herausgegeben, das die Bewertung der Qualität medizinischer Leitlinien ermöglichen soll. In Domäne 6 wird in der Frage 23 die Transparenz bei der Angabe von Interessenskonflikten zur Bewertung herangezogen.
Jedes Mitglied einer Leitlinien-Entwicklungsgruppe hat verschiedenste berufliche und private Interessen und Verbindungen und kann deswegen in Interessenkonflikte kommen (z. B. wenn in einer Leitlinie von eigenen Forschungsergebnissen abweichende Positionen empfohlen werden). Dies trifft beispielsweise auch zu, wenn ein Autor auf dem von der Leitlinie betroffenen Gebiet wissenschaftlich arbeitet und dabei von einer pharmazeutischen Firma finanziell unterstützt wird.

Bereits die pdf-DateiEmpfehlung des Europarats aus dem Jahr 2001 zur "Entwicklung einer Methodik für die Ausarbeitung von Leitlinien für optimale medizinische Praxis", auf der das DELBI aufbaut, sieht die Offenlegung von Interessenkonflikten von Mitgliedern der Leitlinienentwicklungsgruppe als Kriterium vor.

Trotzdem ist es immer noch möglich, dass im "Deutschen Ärzteblatt" ein Autor einer aktualisierte S3-Leitlinie sich als frei von Interessenkonflikten bezeichnet, obwohl er augenscheinlich finanzielle Beziehungen zu Pharmakonzernen hatte, die Medikamente für die Therapie der Erkrankung anbieten.
 
[Ethik & Monetik]
Autor: strappato   2010-01-07   Link   (6 KommentareIhr Kommentar  



 

Kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien (III) (Update 2)

In unserer beliebten Reihe, in der wir den Wahrheitsgehalt von Interessenkonflikt-Statements im "Deutschen Ärzteblatt" auf die Probe stellen, widmen wir uns zum Auftakt des Neuen Jahres dem Erstautor des am 21. Dezember erschienen Artikels von Schmiegel et. al. über das kolorektale Karzinom.

Wolff Schmiegel, Professor und Direktor der Medizinischen Klinik im Knappschaftskrankenhaus Bochum, ist der vielleicht einflussreichste deutsche Meinungsbildner in einem der lukrativsten Segmente des Pharmamarktes. Hier geht es u.a. um extrem teure Medikamente wie Avastin® und Erbitux®, deren Wirksamkeit in Bezug auf eine Lebensverlängerung im besten Falle gering und nicht immer gesichert ist, deren Einsatz den Herstellern jedoch pro Patient leicht mehrere Zehntausend Euro in die Kassen spült. Schmiegel ist gleichzeitig Erstautor der S3-Leitlinie zum kolorektalen Karzinom, deren jüngste Aktualisierungen in dem Artikel präsentiert werden.

Schmiegel gibt an, frei von Interessenkonflikten zu sein:


Der Glaubwürdigkeit dieser Behauptung möchte ich dieses Mal mittels eines chronologischen Abrisses von Ereignissen aus dem Leben und Wirken des Meinungsbildners Wolff Schmiegel auf die Probe stellen, beginnend im Jahr 2005.

Nicht alle im folgenden genannten Punkte stellen Interessenkonflikte dar, die in dem Dreijahreszeitraum liegen, der von den Autoren des "Deutschen Ärzteblattes" bei der Angabe von Interessenkonflikten mindestens zu berücksichtigen wäre. [Berichtigung, 7.1.: Laut den Autorenhinweisen des Deutschen Ärzteblattes ist sogar ein Fünfjahreszeitraum zu berücksichtigen]. Der besondere Reiz der nun folgenden chronologischen Aufzählung liegt vielmehr in Schmiegels Kreativität bei der Offenlegung seiner Interessenkonflikte in verschiedenen Publikationen, die mit geradezu schwindelerregenden Kursänderungen einher geht. Hinzu kommt, dass diese Erklärungen selbst bei wohlwollender Betrachtung zu keinem Zeitpunkt so recht zu dem Eindruck von den PR- und Forschungsaktivitäten Schmiegels passen wollen, der sich aus der Durchsicht anderer Quellen ergibt.

Februar 2005

Die Firma Hoffmann-La Roche AG veranstaltet in Frankfurt eine Pressekonferenz "Avastin® bringt Hoffnung bei Darmkrebs". Auch das "Deutsche Ärzteblatt" berichtet pflichtbewusst von der Veranstaltung und zitiert den anwesenden Experten Wolff Schmiegel. Er kommt auch in der zugehörigen Roche-Pressemeldung ("Angiogenese-Hemmer Avastin eröffnet eine neue Ära in der Krebstherapie") begeistert zu Wort:
"Jahrzehntelang galt die Chemotherapie als Behandlung der Wahl bei diesen Patienten", so Professor Wolff Schmiegel, Bochum. Doch die Suche nach effektiveren Medikamenten für einen gezielteren Kampf gegen den Krebs ging weiter - mit Erfolg.

Mai 2005

Die Mitgliederzeitschrift "Forum" der Deutschen Krebsgesellschaft berichtet über die Weiterentwicklung der S3-Leitlinien zum Kolonkarzinom unter der Leitung von Wolff Schmiegel. Schmiegel höchst selbst ist Zweitautor des Artikels:


Schmiegel weist am Ende des Artikels jegliche Interessenkonflikte finanzieller oder persönlicher Natur weit von sich:


September 2006

Schmiegel findet sich als Sprecher im Programm eines durch die Firma Roche ausgerichteten "Satellitensymposiums":


Oktober 2006

Die Rekrutierungsphase einer Phase-II-Medikamentenstudie, in der u.a. Präparate von Roche getestet werden, ist abgeschlossen. Schmiegel, Co-Autor der späteren Veröffentlichung, wird als verantwortlicher Ansprechpartner der Studie genannt:


Es finden sich kaum Informationen über die Finanzierung der Studie. Mehrere Jahresberichte der Universität Regensburg nennen allerdings - wenig überraschend - die Firma Roche als Geldgeber:


Die Ergebnisse der Studie fließen später in die europäische Zulassung des Roche-Medikaments Xeloda® gegen Darmkrebs ein.

September 2007

Schmiegel taucht in einem Konferenzprogramm als Vorsitzender eines durch die Firma Merck Pharma GmbH (u.a. Erbitux®) ausgerichteten "Satellitensymposiums" auf:


Januar 2008

Schmiegel ist Co-Autor einer Veröffentlichung in der Zeitschrift "Nature Clinical Practice Gastroenterology & Hepatology". Schmiegel gibt überraschend Interessenkonflikte an, und zwar Verbindungen zu Astra-Zeneca, Roche und Sanofi-Aventis:

In der Online-Version präzisiert er diese Verbindungen. Es handele sich lediglich um die Entgegennahme von Reisekostenzuschüssen:
Competing interests

[...] Wolff Schmiegel has received travel grants from Astra-Zeneca, Roche, and Sanofi-Aventis.

Juli 2008

Die Ärztepostille "Medical Tribune" pdf-Dateizitiert Aussagen Schmiegels anlässlich einer von Pfizer Oncology veranstalteten Pressekonferenz, auf der er die Vorzüge des Pfizer-Zytostatikums Irinotecan (Campto®) zu würdigen weiß:
Von der Kombination aus Capecitabin plus Irinotecan konnten auch mehr Therapiezyklen verabreicht werden, so der Experte.

September 2008

Ein Ratgeber der Firma Roche ("Leben mit Darmkrebs" - "Innovationen für Darmkrebspatienten") erscheint.
Der Ratgeber der Roche Pharma AG entstand unter der wissenschaftlichen Beratung von Prof. Dr. Wolff Schmiegel.

Schmiegel steuert auch das Vorwort bei ("Mit dieser Broschüre möchten wir Ihnen Informationen rund um das Thema „Darmkrebs“ anbieten."):

Oktober 2008

Schmiegel findet sich in einem Konferenzprogramm als Vorsitzender eines durch die Firma Roche ausgerichteten "Satellitensymposiums":


Dezember 2008

Schmiegel ist Co-Autor eines pdf-DateiAufsatzes im "Journal of Clinical Oncology" zur Therapie des kolorektalen Karzinoms. Alle Autoren füllen nach den Angaben im Artikel eine Erklärung zu möglichen Interessenkonflikten aus. Schmiegel gibt keine potentiellen Interessenkonflikte an.

Januar 2009

Merck Pharma freut sich in einer pdf-DateiPressemeldung über die wohlwollende Würdigung seines umstrittenen Medikaments Erbitux® in der unter Schmiegels Federführung verfassten neuen Fassung der S3-Leitlinien zum Kolonkarzinom:
Die Zulassung basiert auf aktuellen Daten, die die hohe Effektivität von Erbitux in der Erstlinientherapie in Kombination mit Standardchemotherapie belegen. Die hohe Evidenz dieser Daten wurde nun in den kürzlich publizierten S3-Leitlinien „Kolorektales Karzinom – Aktualisierung 2008“ bestätigt: Die Autoren empfehlen Erbitux als wichtige Therapieoption in der Erstlinienbehandlung des metastasierten kolorektalen Karzinoms.1
[...]
Literatur
1. S3-Leitlinien: Schmiegel W, et al. Z Gastroenterol 2008; 46: 799-840.

Juli 2009

Schmiegel wird als Co-Autor einer Übersichtsarbeit zur Anwendung u.a. von Avastin® in der Darmkrebstherapie angegeben. Die Veröffentlichung wurde mit Unterstützung der "medizinischen Kommunikationsagentur" Gardiner-Caldwell Communications verfasst, die hierfür von Roche bezahlt wurde. Auch weitere Kosten der Publikation wurden von Roche übernommen.

In der Veröffentlichung nennt Schmiegel zur Abwechslung Beratungstätigkeiten für Roche und AstraZeneca als Interessenkonflikte:


Dezember 2009

Wolff Schmiegel präsentiert der versammelten deutschen Ärzteschaft im "Deutschen Ärzteblatt" die aktualisierte S3-Leitlinie zum kolorektalen Karzinom - und sich selbst als frei von Interessenkonflikten.
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Update, 5.2.2010:

Berichtigung im Deutschen Ärzteblatt (II)
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Update, 10.6.2010:

Interessenkonflikte: Professor Schmiegel legt nach
 
[Ethik & Monetik]
Autor: hockeystick   2010-01-01   Link   (5 KommentareIhr Kommentar  



 



Stationäre Aufnahme












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