Pharmaindustrie bloggt (Update)

In den USA entdecken Pharmakonzerne das Bloggen. GlaxoSmithKline (GSK) bloggt - aber nur für die Diätpille Alli® und nennt das blog alliConnect. Der für Alli® verantwortliche Vizepräsident, Steven Burton, schreckt nicht davor zurück noch einmal seine "Oops Erfahrung" mit den NebenWirkungen der Diätpille zu schildern. Angesichts der "social" Marketingstrategie war ein blog zu erwarten. Eine Abladestelle für Hurra-Meldungen und Kommentare.
Secondly, using Alli for the past 7 weeks, has made such a difference in my life, my health, my attitude, and my lifestyle. For the first time in my life, I am truly upbeat and motivated about my weight loss and fitness. I have changed the way I look at food, exercise, and my self. Not only are the pounds melting off, but I don't miss my old ways of eating. I look forward to exercising each day and challenging myself, and suddenly I feel that if I can do this, I can handle anything. This would not have been possible without the great corporate support and stewardship of GSK. Once again, much thanks.
Was prompt kritische Antworten herausfordert: Das "inoffizielle" alliConnect-blog.

Johnson & Johnson (J&J) bloggt auch. Das blog hat den Titel BTW (by the way - "übrigens"). Klingt nach Bescheidenheit ist aber eher understatement, denn das blog verspricht nichts weniger als einen three-dimensional view of Johnson & Johnson. Der Autor ist in der Unternehmenskommunikation für J&J tätig. Auch hier werden die Kommentare erst nach Prüfung freigeschaltet.

Beides sind also PR-Blogs, die echtes Interesse an Kommunikation nicht erwarten lassen. Die Pharmaunternehmen werden ihre Erfahrungen mit business blogs sammeln. Wäre ja zu einfach, die Fehler aus den blog-Versuchen von Unternehmen aus anderen Branchen zu beherzigen.

Dass die Pharmaunternehmen sich eigentlich keine Fehlschläge leisten können, sieht man an der wachsenden Zahl von blogs zu den Themen: Medizin, Gesundheit, Pharma. Im deutschsprachigen Raum muss man nach guten blogs zu dem Themenkomplex intensiv suchen, für englischsprachige gibt es bereits Rankings wie die Healthcare 100 - Global Ranking of Top English-language Healthcare Blogs.

Die Pharmaindustrie steht vor einem Problem. Das verdeutlicht Bob Ehrlich in einem Editorial des Branchenblattes "DTC Perspectives", zitiert von Peter Rost.
I think these bloggers have enormous power. They are outside the influence of the powerful pharma companies. Drug companies can pull ad dollars from mainstream media if their news departments run unfair stories. What can they do to stop Peter Rost?"

Keep in mind:
 
[Orlistat]
Autor: strappato   2007-06-18   Link   (1 KommentarIhr Kommentar  



 

Gedoptes Doping

In den letzten Tagen war ja in vielen Medien von 200.000 Hobbyathleten zu lesen, die Dopingmittel nehmen. Woher stammt diese Zahl? Sie wird in Artikeln veröffentlicht und wurde sogar von der Drogenbeauftragten der Bundesregierung bei der Vorstellung des Drogen- und Suchtberichts zitiert.

Grundlage der Daten ist eine 7 Jahre alte Studie eines Orthopäden an der Universität Lübeck. Nach den im Internet verfügbaren dünnen Informationen hat der Wissenschaftler Carsten Boos über zwei Jahre insgesamt 454 Frauen und Männer in 58 kommerziellen Sportstudios quer durch Deutschland zu Dopingmitteln befragt. Danach gaben 22% der Männer und 8% der Frauen gaben an, anabol wirkende Substanzen zu nehmen. Bei einer Anhörung des Bundestags-Sportausschuss schätzte Boos die Geamtzahl auf 200.000. Seitdem wird sie immer wieder von den Medien genannt.

Die Repräsentativität der Ergebnisse von 58 von über 6000 Studios und von durchschnittlich 8 Befragten pro Sportstudio sollte man hinterfragen. Jedoch hat eine neuere Befragung in einem baden-württembergischen Fitnesscenter ergeben, dass 19,2% der Männer und 3,2% den Gebrauch von Dopingmittel zugaben. Wobei hier die Art der Substanz nicht eindeutig ist. Eine EU-Studie von 2002 ergab einen Anteil von 5,7% aller Sportlerinnen und Sportler in kommerziellen Fitness-Studios, die zur Verbesserung ihrer Leistungen zu Medikamenten greifen - eine noch dünnere Definition von Doping. Darüber hinaus ist die Wahl der Methodik bei der sozialwissenschaftlichen Untersuchung von devianten Verhalten sowieso ein Thema für sich. Wenn man es nicht richtig anstellt, bekommt man alles raus, nur keine validen Zahlen.

Selbst wenn wir diese wackeligen Daten als Grundlage nehmen, hängt alles von der Anzahl der "Hobbyathleten" in Deutschland ab. Boos war damals noch von 3,5 Millionen Fitness-Studiobesuchern ausgegangen. Mittlerweile gibt es Studien, die 7 Millionen Deutsche in Fitnesscentern sehen. Anzahl, Intensität, Geschlechterverteilung, Altersverteilung - alles was eine Schätzung erst möglich machen würde, ist unbestimmt.

War Doping vor 7 Jahren noch hauptsächlich auf Bodybuilder und Anabolika beschränkt, kann der ehrgeizige Amateur mittlerweile für viele Sportarten unterstützende Substanzen über das Internet beziehen. Epo, Testosteron, Amphetamine, Wachstumshormone. Eine Beschränkung der Sicht auf Sportstudios erscheint heute nicht mehr angemessen.

Fazit: Die Zahl der Hobbydoper hätte man auch auswürfeln können.
 
[heile Welt]
Autor: strappato   2007-06-16   Link   (0 Kommentare)  Ihr Kommentar  



 

Im Test: Rachenleuchte

Heute soll hier einmal etwas anderes als Pharmakugelschreiber getestet werden. Die Pharmaindustrie hält noch andere nützliche Produkte für den Arzt bereit. Zum Beispiel eine "klassische MagLite Rachenleuchte", wie es die Antwortkarte verspricht. Die kann ein Arzt in Österreich von Sanofi-Aventis bekommen, wenn er in den "Klassiker-Club" beitritt und regelmässig über alle Vorteile und Serviceangebote für seine Ordination informiert werden will.


Natürlich hat die Firma MagLite keine Rachenleuchten im Programm. Nach dem Medizinproduktegesetz müsste die Taschenlampe für die Diagnostik beim Menschen beim Register für Medizinprodukte eingetragen sein. Ist leider nicht online verfügbar. Aber das ist auch eher nebensächlich.

Betrachten wir die Taschenlampe mal genauer und vergleichen sie mit den Klassikern von MagLite:


Sieht aus, als wäre die "Rachenleuchte" auf der Karte eine ausgewachsene 4D-Cell Lampe mit 37 cm Länge. Ich habe hier im Haus eine 3D-Cell und konnte niemanden finden, der sich von mir damit freiwillig den Rachen inspizieren lassen wollte. Ist eher was für Tierärzte, die damit die Mandelentzündung von Elefantenbullen diagnostizieren.

Der Verdacht liegt nahe, dass Sanofi-Aventis mit dieser Elefantenrachenleuchte das Arzneimittelgesetz umgehen will:
§55a
(1) Im Rahmen der Verkaufsförderung für Arzneimittel bei den zur Verschreibung oder Abgabe berechtigten Personen ist es verboten, diesen eine Prämie, finanzielle oder materielle Vorteile zu gewähren, anzubieten oder zu versprechen, es sei denn, diese sind von geringem Wert und für die medizinische oder pharmazeutische Praxis von Belang.

Das untere Bild basiert auf dem Bild Maglite.jpg aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. Der Urheber des Bildes ist Tam.
 
[Oesterreich]
Autor: strappato   2007-06-15   Link   (1 KommentarIhr Kommentar  



 

Kdolsky im Ostblock

Bei den Wahlen zur Ärztekammer Anfang März hat Österreichs Gesundheitsministerin Kdolsky noch betont, das sie sich auf eine konstruktive Zusammenarbeit freue.

Wenn man dem Ärztekammerpräsidenten glauben mag, dann kennt man diese Art der Zusammenarbeit aus den Zeiten des kalten Krieges: Kdolsky agiert wie im Ostblock. Andrea Kdolsky verweigert Gespräche mit den Vertretern der Ärztekammer, die Kdolsky zwar täglich in den Medien sehen, aber nicht am gemeinsamen Beratungstisch.

Eigentlich hat die Andrea Kdolsky nur den Politikstil ihrer deutschen Amtskollegin Ulla Schmidt übernommen. Mal wieder ist Deutschland Vorbild. Während der Debatten über die Gesundheitsreform setzte die deutsche Gesundheitsminsiterin auf die Medien und nicht auf den Fachverstand der Ärztekammer und Verbände. Sie scheute auch nicht davor zurück, kritische Journalisten auf Linie zu bringen.

Da wird sich das Konsens gewöhnte Österreich noch umgucken.
 
[Oesterreich]
Autor: strappato   2007-06-15   Link   (0 Kommentare)  Ihr Kommentar  



 

Pharmakugelscheiber-Test (V)


Das Respiratory-Syncytial-Virus (RSV) wird den wenigsten bekannt sein. Es ist ein Virus, das zu Atemwegserkrankungen führt. In unserer Umgebung ist es relativ häufig anzutreffen und sehr stabil. RSV ist der häufigste Erreger der Bronchiolitis und einer der häufigsten Erreger der Pneumonie bei Säuglingen und Kleinkindern bis zum Alter von 24 Monaten. Dem Virus kann praktisch kein Kind in den 24 Lebensmonaten entgehen. Wobei die Folgen meist undramatisch sind. Eine Impfung gibt es nicht, und da kommen wir zu dem Kugelschreiber.

Zur passiven Immunisierung ist seit einigen Jahren der monoklonale Antikörper Palivizumab (Synagis®) von Abbot auf dem Markt. Die Gleichung Antikörper=Biological=teuer gilt auch hier. Drei Monate vor der Infektionssaison und während der Hauptrisikozeit von Oktober bis März muss das Medikament einmal im Monat injiziert werden. Je nach Körpergewicht des Kindes kostet das jeweils 750-1500 Euro. Daher ist die Indikation auf Kleinkinder mit besonderen Risiko beschränkt. Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie empfiehlt eine Prophylaxe bislang nur für Frühgeborene mit chronischer Lungenerkrankung als Folge einer bronchopulmonalen Dysplasie (BPD) bis zum Alter von 24 Monaten, wenn sie in den letzten 6 Monaten behandlungsbedürftig waren (Steroide, Sauerstoff, Diuretika). Bei Frühgeborenen ohne BPD mit einem Gestationsalter zwischen 32 und 35 Wochen soll individuell über die Prophylaxe entschieden werden, falls zusätzliche Risikofaktoren vorliegen.

Die verfügbaren gesundheitsökonomischen Studien aus USA, UK und Spanien legen nahe, dass nur eine strenge Indikationsstellung ökonomisch sinnvoll ist. Auch in Deutschland gibt es Anzeichen, dass eine sehr zurückhaltend und strikt indikationgesteuerte Gabe keine Nachteile hat.

Schlecht für den Hersteller, der den Aussendienst mit einem ungemein schönen Kugelschreiber auf die Reise schickt. Grün-orange, auffallend aber nicht schrill, mit Metallspitze und abrutschsicherer Fingermulde. Der stabile Metallklip hält auch den harten Arbeitstag eines Pädiaters stand, die ja oft den Kittel hängen lassen und dann keine sichere Kitteltasche zum Aufbewahren ihres Schreibgeräts haben.
 
[Pharmakugelschreiber]
Autor: strappato   2007-06-15   Link   (0 Kommentare)  Ihr Kommentar  



 

Acomplia-Nachwirkungen

Die Entscheidung des FDA-Beratergremiums, die Diät-Pille Acomplia® (Rimonabant) in den USA nicht zur Zulassung zu empfehlen, hat Nachwirkungen. Gestern erklärte die europäische Zulassungsbehörde die Studiendaten nochmals zu prüfen. Eine Rücknahme der Zulassung ist nicht ausgeschlossen.

Finanzanalysten zeigen sich irritiert, weil Sanofi-Aventis vor der FDA-Sitzung Optimismus verbreitet hat und dann 14:0 abgestraft worden ist. Das lässt Zweifel an der Integrität der Kommunikation von Sanofi-Aventis mit den Investoren aufkommen. Die Aktie büsste dieses Jahr schon 10% ein. Eine gewisse Nervosität ist da verständlich.

Dieser Rückschlag hat auch den Gerüchten über eine Fusion von Sanofi-Aventis mit Bristol- Myers Squibb (BMS) wieder Nahrung gegeben. Mit Acomplia® würde Sanofi-Aventis erwartete Umsätze von $ 3 Milliarden jährlich verlieren. Das war eigentlich als Ausgleich für den auslaufenden Patentschutz des Blockbusters Plavix® gedacht, den Sanofi-Aventis gemeinsam mit BMS vermarktet.

Des einen Leid, des anderen Freud. Das Interesse an der freiverkäuflichen Diät-Pille Alli® von GlaxoSmithKline, die heute auf den Markt kommt, ist überwältigend. Mal sehen ob das anhält, wenn die ersten Patienten ihre Erfahrungen mit den treatment effects in Form von dünnen, öligen Stühlen sammeln. Ich würde kurzfristig Sanofi-Aventis auf "sell" setzen und in Betreiber von öffentlichen Toiletten und Waschmittelhersteller investieren.
 
[Pharmaindustrie]
Autor: strappato   2007-06-15   Link   (2 KommentareIhr Kommentar  



 



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