ARD: Schleichwerbung für Mistelpräparate gegen Krebs?

Stefan Niggemeier berichtet über einen möglichen neuen Schleichwerbeskandal in der ARD. Die von ihm dokumentierten Dialoge sind ungeheuerlich und sprengen selbst nach ARD-Maßstäben den Rahmen des Gewohnten.

Unbekannt ist im Moment, welcher Hersteller den entsprechenden Handlungsstrang in der Serie "Sturm der Liebe" platziert haben könnte.

Das bekannteste und marktführende Mistelpräparat in Deutschland ist das Produkt Iscador® der Weleda AG, die sich in der Vergangenheit mit öffentlichen Verlautbarungen stark für diese sogenannte "antroposophische" Therapieoption engagiert hat.

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Update
Die Produktionsfirma von „Sturm der Liebe“, Bavaria, hat gegenüber der „FAZ“ den Vorwurf explizit zurückgewiesen. Es habe keine Abstimmung mit Produzenten der Mistelzweig-Präparate gegeben und auch keine Entlohnung. Der Vorwurf der Schleichwerbung sei auch deshalb nicht stichhaltig, weil die Figur Fred, die sich in einer Folge als „lebender Beweis“, dafür dass die Mistel-Therapie wirkt, vorstellt, in einer der nächsten Folgen an den Folgen seiner Krankheit sterben werde
 
[ARD-Schleichwerbung]
Autor: hockeystick   2009-02-23   Link   (13 KommentareIhr Kommentar  


strappato   2009-02-23  
Mal ein paar Zahlen:

Nach dem Arzneiverordnungsreport 2008 hatte Iscador® 2007 147.000 Verordnungen und einen Umsatz von 10,7 Millionen Euro zu Lasten der GKV, was 4,7 Millionen DDD (definierte Tagesdosen) entsprach.

Die Konkurrenten:
Helixor®: 6,05 Millionen Euro (3,5 Millionen DDDs)
Lektinol®: 4,66 Millionen Euro (2,3 Millionen DDDs)
Abnobaviscum®: 2,41 Millionen Euro (1,0 Millionen DDDs)

Ist also ein Markt von mind. 24 Millionen Euro. Leider mit abnehmender Tendenz. Ein wenig Werbung wäre sicher willkommen.

Wenn, dann würde ich nicht auf ein Unternehmen tippen, sondern auf einen ein Verband oder eine Initiative.

Z.B. KompetenzForum Homöopathie und Anthroposophie
http://www.dhu.de/PDF/kompetenzforum.pdf

oder

Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland http://www.damid.de/presse/pm/070404pm_mistel.pdf


hockeystick   2009-02-23  
Dafür spräche auch, dass die in der Sendung gezeigte Verpackung des Mistelpräparats farblich zu keinem dieser Produkte passt, also offenbar herstellerneutral gewählt ist.

(mehrfach zu sehen in Folge 789 ab etwa 00:32:40)


hockeystick   2009-02-23  
Die GAÄD wäre auch noch ein Kandidat (www.mistel-therapie.de).


hockeystick   2009-02-23  
Lustig.

Bei Turi heißt es jetzt:
Die ARD will sich noch nicht äußern, sondern wartet auf eine Stellungnahme der zuständigen Produktionsfirma Bavaria.
Gegenüber einer Zuschauerin, die sich bei der ARD beschwert hatte, hieß es noch (aus den Kommentaren unter Niggemeiers Beitrag):
Ich habe bereits am 17.3. [Anm.: gemeint ist der 17.2.] (Folge 788) mit der ARD EMail-Kontakt aufgenommen. Die "Antwort" der ARD stelle ich Ihnen gerne zur Verfügung. Die sehen das ganze noch als "Hilfe und Unterstützung" für betroffene, die sich "mit einer starken Serienfigur" identifizieren können.



gunter   2009-02-23  
Es ist wie immer. Ich finde, dass das mal so langsam anteilig von den GEZ Gebühren abgezogen wird. Bei den ganzen Fällen...
Aber jetzt mal eine vielleicht sehr naive Frage (bitte nicht hauen!).
Wieviel bringt das denn der Firma? Gibt es darüber Untersuchungen? Klar PR und so weiß ich auch. Aber verkaufen sie deshalb 1000 Pillen mehr am Tag? Bitte nicht falsch verstehen. Mich würde einfach mal die Wirksamkeit dieser bitteren (gerade in Bezug auf Krebserkrankungen und angeblicher Wundermittel) Werbepillen interessieren.


kelef   2009-02-24  
das ist schwer zu messen, aber den umsatz hebt es in jedem fall. die dauerberieselung muss nur lang und oft und anhaltend penetrant genug stattfinden.

natürlich heisst es übrigens nicht schleichwerbung, sondern strategisches product placement mit dem ziel, eine möglichst grosse zielgruppe zu schaffen und dann auch entsprechend zu informieren. schliesslich hat doch jeder jemand in der familie oder im bekanntenkreis, der krebs hat.

ethisch ist bei mir was anderes. aber es gibt immer mehr unter-der-hand-seminare zum thema product placement um die werberestriktionen zu umgehen. und in der industrie gilt nach wie vor der grundsatz "zeig ich dich nicht an, zeigst du mich nicht an".


hockeystick   2009-02-24  
Aus der Vergangenheit wissen wir, dass für vergleichbare Placements in Bavaria-Produktionen (z.B. "In aller Freundschaft") fünfstellige Euro-Beträge gezahlt wurden.

Bei einem Gesamtmarkt von über 24 Mio. kämen die 4 Mistelextrakt-Unternehmen über den Daumen gerechnet schon bei einer Steigerung des Umsatzes von wenigen Promille locker auf ihre Kosten.

Die "Sturm der Liebe"-Saga wird von ein paar hundert tausend Zuschauern in der "werberelevanten Zielgruppe" verfolgt.

Zur Terminologie: Ich subsumiere - wie andere auch - Themen-Placements unter dem Oberbegriff Schleichwerbung.


strappato   2009-02-24  
Noch trau ich dem Braten nicht so recht. Auffällige Dialoge würden als Indizienbeweis alleine nicht taugen, gibt es doch genug schlechte Drehbuchautoren - gerade in den Soaps, wo am Fliessband getextet wird.

Wenn Niggemeier nicht mehr vorzuweisen hat, dann hat er sich mal wieder ziemlich weit aus dem Fenster gehängt. Besonders auch, weil im FAZ-Blog und nicht bei sich in der Ego-Nische.


hockeystick   2009-02-24  
Wenn es nur ein schlechter Drehbuchautor war, dem im Traum Rudolf Steiner erschienen ist mit einer Flasche Misteltinktur aus der Apotheke in der Hand, dann steht die ARD immer noch mit heruntergelassenen Hosen da. Siie hat ja nach dem letzten Schleichwerbeskandal die Einrichtung einer "Clearingstelle" verkündet. Die Frage ist doch nun: Gibt es diese überhaupt, und wenn doch, arbeiten deren Mitarbeiter ohne Ton und mit verbundenen Augen?


hockeystick   2009-02-24  
Anders gefragt: Ist es überhaupt menschenmöglich, 787 Folgen von "Sturm der Liebe" auf Schleichwerbung zu überprüfen, ohne bei den Folgen 788 ff. bereits im Koma zu liegen?


strappato   2009-02-24  
Gibt schlimmere Jobs auf der Welt.

Entscheidend sind die Kriterien. Ich denke, da hapert es. Ein transparenter Katalog, in dem die Don'ts festgelegt sind, würde einiges verbessern - aber auch die Arbeit der Werbevermarkter erschweren...


kelef   2009-02-24  
ich würde product placement noch nicht einmal als schleichwerbung bezeichnen, sondern schlicht und ergreifend als werbung. äpfel und birnen und zwetschken und weintrauben sind auch alle obst, und radieschen und kohl und kruat sind gemüse. da nützt der versuch der schönrederei den verantwortlichen nicht das geringste.

wenn man beim herumzappen vielleicht drei minuten dr. house hört und dabei zweimal laut und besonders gut betont via*g*a hört, handelt es sich demnach mit an sicherheit grenzender wahrscheinlich auch nicht um einen tumben drehbuchautor oder eine uninformierte synchronisationsfirma. glauben sie mir.


omela   2010-02-09  
schön weiter träumen
Das muss ja eine gute Serie sein, wenn man das Feuer der Liebe mit der Mistetropfen löscht *lach

Leider hat das mit der Mistel von euch Niemand richtig verstanden. Wenn ein Krebspatient Mistetropfen trinkt, dann sinkt nur sein Blutdruck, Krebs bleibt unbehandelt, also stirbt er mit Sicherheit. So war das wohl auch in dem Film.

Deshlab zeigt die Szene ganz was anderes als die Werbung (wenn der Name einer Firma ausgesprochen war, die aus Mistel auch registrierte Krebsmedikamente herstellt, kann diese Firma ARD sogar wegen Geschäftsschädigung verklagen)

Die Misteltropfen haben ja nichts mit der Krebstherapie zu tun.
Wenn aber kein Name der Firma ausgesprochen wurde, dann ist´s, wie es ist, eine Serie für den Durchnisttsbürger;) --> die Laien belehren den Arzt.

In komplementärer Krebstherapie wirkt nur parenterale Form der Mistelextrakte (also per Injektione).








Stationäre Aufnahme












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