Wie Pharma-PR in die Zeitung kommt: Ein Lehrstück

Es ist davon auszugehen, dass in der PR-Abteilung des Pharmariesen MSD vor gut einer Woche die Korken geknallt haben.

Denn wieder einmal hat es funktioniert. Die Veröffentlichung einer offenkundigen PR-Studie, atemberaubend windig in der Methodik und schon von der Fragestellung her alleine darauf abzielend, die Umsatzzahlen der fragwürdigen und potentiell gesundheitsschädlichen Cholesterinsenker Inegy® und Ezetrol® mit dem Wirkstoff Ezetimib zu steigern, hat in der Fach- und Publikumspresse ein weltweites Echo gefunden. Und wie immer hat kein Journalist auch nur im Ansatz Lunte gerochen. Das Besondere: Dieses Mal kam das PR-Paket "Studie + Expertenstatements" aus Deutschland, von einem alten Bekannten für die Leser dieses Blogs. Der Mann ist uns schon einmal dadurch aufgefallen, dass er bei der Offenlegung seiner vielfältigen finanziellen Verbindungen zur Pharmaindustrie, nun ja, eher wenig Sorgfalt walten lässt. Er enttäuscht uns auch dieses Mal nicht.

Gleich drei Artikel haben es in die Springerpresse geschafft. In der "Welt" reicht Journalist Rolf H. Latusseck die Marketingbotschaft "Nur die Hälfte aller Herzpatienten erhält eine adäquate Behandlung" unter den Überschrift "Schlechte Noten für Hausärzte" an seine Leser weiter. In der "Berliner Morgenpost" lautet seine Schlagzeile "Schlechte Hausärzte treiben Infarkt-Raten hoch", und im "Hamburger Abendblatt" verkündet er gar: "Viele Hausärzte bei Behandlung von Herzpatienten überfordert".

Was die "Studie" über die Qualität der hausärztlichen Versorgung aussagt, vermag ich nicht abschließend zu beurteilen. Man mag sie vielleicht sogar als Hoffnungsschimmer lesen, aber dafür wäre die zugrundeliegende Methodik dann doch zu windig. Ganz sicher belegt der Vorgang jedoch, dass viele Wissenschaftsjournalisten schlechte Noten verdient haben, dass sie bei der Beurteilung von offenkundiger Pharma-PR überfordert sind, dass schlechte Journalisten die Umsatzzahlen der Pharmaindustrie hochtreiben und dass sie dabei ihre Leser zu der Einnahme von Medikamenten verleiten, deren Nutzen nicht belegt ist. Rolf H. Latussecks dreifaches journalistisches Versagen eignet sich hierfür in meinen Augen als Paradebeispiel.

Nun soll zu Latussecks Verteidigung nicht unerwähnt bleiben, dass auch andere Journalisten der "Studie" mehr Aufmerksamkeit gewidmet haben, als sie verdient hat. So verbreitete die Nachrichtenagentur Reuters die Meldung rund um den Planeten ("Doctors fail to cut cholesterol enough") bis nach Lateinamerika ("Médicos no reducen lo suficiente el colesterol: estudio"), und selbst die ach so vertrauenswürdige alte Dame BBC hob die PR-Geschichte in ihren Online-Auftritt.

Zur Ausgangsposition: Das Kernproblem bei der Vermarktung der Cholesterinsenker Inegy® und Ezetrol® durch MSD (Merck & Co.) und (vor der Fusion) auch das von Essex Pharma (Schering-Plough) war und ist, dass zu keinem Zeitpunkt ein klinischer Nutzen des Präparats gezeigt werden konnte und bis zum Auslaufen der Patente aller Voraussicht nach auch nicht gezeigt werden wird. Das heißt konkret: Der Wirkstoff Ezetimib senkt zwar den LDL-Cholesterinspiegel deutlich, hat jedoch bislang keinen positiven Einfluss auf die Bildung von Ablagerungen in den Gefäßen, auf die Herzinfarktrate oder gar auf die Lebenserwartung gezeigt. Zu allem Überfluss wird er in der öffentlichen Diskussion auch noch mit der unethischen Unterdrückung von negativen Studiendaten durch seine Hersteller und unangenehmen Nebenwirkungen in Verbindung gebracht, zuvorderst einem möglicherweise erhöhten Krebsrisiko.

Die Vermarktungsmaschinerie der Hersteller von Inegy® und Ezetrol® hat naturgemäß von Anfang an auf die ebenso schlichte wie irreführende Botschaft "Weniger Cholesterin - weniger Herzinfarkte" gesetzt. Ein "Expertenpanel", nahezu vollzählig auf der Payroll der Herstellers der Präparate, setzte schon kurz nach der Markteinführung in den USA eine Verschärfung der Leitlinien durch, forderte also noch niedrigere Cholesterinwerte als je zuvor. Cholesterinwerte, die mit der verbreiteten Medikamentenklasse der Statine in vielen Fällen nicht erreicht werden können. Auch in Deutschland waren die für "Fettstoffwechselstörungen" zuständigen Experten mit bekannt guten Verbindungen zur Industrie unschwer zu überzeugen, dass auch hierzulande eine entsprechende Anpassung der "Zielwerte" vonnöten sei. Die heldenmütigsten professoralen Streiter für das gute und gegen das böse Cholesterin, seit jeher zusammengeschlossen in der "Lipid-Liga", riefen mit freundlicher Unterstützung von MSD und Essex Pharma zu einer neuen Runde in dem Kampf auf, dem sie ihr wissenschaftliches Dasein verschrieben haben (LDL-unter-hundert.de).

Nach Inkrafttreten der entsprechenden Leitlinien war und ist es von allergrößtem Interesse für MSD und Essex Pharma, dafür zu sorgen, dass diese von der behandelnden Ärzteschaft auch konsequent eingehalten werden. Denn das Erreichen der "Zielwerte" ist in vielen Fällen eben nur mit den hauseigenen Präparaten möglich, und das energische Anstreben der "Zielwerte" in den Industrieländern auf breiter Front wäre damit gleichbedeutend mit Jahresumsätzen für Inegy®/Ezetrol® im Multi-Milliardenbereich.

Es ist schon einem Pharma-PR-Praktikanten im ersten Praktikumsjahr zuzutrauen, den folgenden Plan zu entwickeln: Wäre es nicht hübsch, eine vermeintliche oder tatsächliche Überschreitung der "Zielwerte" bei den in Behandlung befindlichen Patienten im Rahmen einer "Studie" zu untersuchen, vielleicht gar die mangelnde Kenntnis der lukrativen Leitlinien durch die Ärzteschaft, um die Ergebnisse dieser Studie dann als PR-Munition verwenden zu können?

Und genau das ist der Inhalt der vorliegenden Studie. Stammt die Studie dann also aus dem Dunstkreis von MSD/Essex Pharma, wie ich in Kenntnis der beschriebenen Gefechtslage spontan vermutet habe? In den Medienberichten jedenfalls kein Wort davon. Auch die Studie selbst, die - nicht ganz untypisch für reine Marketing-Publikationen - im Volltext öffentlich verfügbar ist, enthält keine Angaben über ihre Finanzierung. Das spricht zwar deutlich gegen ihre Seriosität, ist aber allenfalls ein Indiz für einen Marketingstunt.

Beruhigend da immerhin der Blick auf das Interessenkonfliktstatement:



Keine Interessenkonflikte in einem Paper, das eine aggressivere Lipidsenkung propagiert. Dann kann die Studie selbst eigentlich nicht von Pharmaunternehmen finanziert sein, und die Autoren scheinen auch sonst nicht im Dienst von Pharmaunternehmen zu stehen. Habe ich mich wohl getäuscht?

Doch der Blick auf die Autorenliste macht stutzig: Da ist also eine Mitarbeiterin von Essex Pharma, München auf der Autorenliste, eine Frau Brigitte Franzel. Wie kann eine Mitarbeiterin des Herstellers eines Cholesterinsenkers frei von Interessenkonflikten sein, wenn es in einem Paper um die Verschreibungspraxis von Cholesterinsenkern geht?

Dann wäre da noch ein Herr Ulrich Elsasser, der angibt, für die Firma MedPharmTech, ebenfalls in München, tätig zu sein. Die Firma MedPharmTech ist ein Pharma-Dienstleister, der u.a. wissenschaftliche Publikationen im Auftrag von Pharmaunternehmen verfasst. Auf der Web-Site des Unternehmens heißt es dazu treffend:
Publikationen mehren nicht nur den wissenschaftlichen Ruhm, sie sind auch ein vorzügliches Marketing-Instrument. Mit dieser Visitenkarte Ihrer Forschungs- und Entwicklungsabteilung vermitteln Sie in der Fachwelt Kompetenz und haben gleichzeitig eine überzeugende Argumentationshilfe für Ihren Außendienst geschaffen.
Auch Herr Elsasser gibt erstaunlicherweise keine Interessenkonflikte an.

Und die anderen Autoren? Stammen alle von der Universitätsklinik Lübeck. Offenbar der Chef der Truppe und "Corresponding Author" ist ein Prof. Heribert Schunkert. Auch keine Interessenkonflikte. Dass es sowas noch gibt in der Kardiologie.

Schunkert. Schunkert? Aber kennen wir den Schunkert nicht schon?

In der Tat, der hatte schon einen Auftritt hier im Blog. Er war damals auf dem Höhepunkt des PR-Desasters rund um Ezetrol® und Inegy® mit einer Studie an die Öffentlichkeit gegangen, die ein für allemal und abschließend belegen sollte, dass Cholesterinsenkung vor Herzinfarkt schützt. Auch damals schon hatte er angegeben, frei von Interessenkonflikten zu sein. Und schon damals hatte sich diese Angabe als offenkundig unwahr herausgestellt.

Man muss nicht lange recherchieren, um herauszufinden, dass der Herr Schunkert ein ausgesprochen umtriebiger Redner im Dienst diverser Pharmaunternehmen ist. Ganz besonders eng scheint jedoch seine Verbindung zu MSD / Essex Pharma zu sein.

Schon im Jahre 2008 machte er sich auf Veranstaltungen von MSD und Essex Pharma für die Einhaltung der Cholesterin-Leitlinien stark:


Auch auf andere Veranstaltungen von MSD und Essex Pharma lässt er sich gerne einladen, auch wenn der Nachteil an einem Lunch-Symposium für den Redner darin liegt, dass er das Mittagessen erst hinterher bekommt. Das folgende Beispiel ist ebenfalls aus dem Jahr 2008:


Und im Dezember 2008 hatte er in einer Veröffentlichung eine Interessenkonfliktserklärung abgegeben, die dann doch spürbare finanzielle Verbindungen zu den Herstellern von Cholesterinsenkern erahnen lässt, welche über ein zu lange warmgehaltenes Mittagessen deutlich hinausgehen:
Dr. Schunkert has received lecture fees and is on the advisory board for Merck-Sharp Dohme/Essex, Novartis, Sanofi-Aventis, AstraZeneca, Pfizer, and Nycomed.

 
[Pharmamarketing]
Autor: hockeystick   2010-03-20   Link   (9 KommentareIhr Kommentar  


siyani   2010-03-21  
kann man hier nicht mal eine daumen-hoch-i-like-kommentarfunktion wie bei facebook einführen?


amelia   2010-03-21  
Solange es die noch nicht gibt, muss man sein Lob halt ganz altmodisch in Worten ausdrücken...

Ich bin beeindruckt und vermute, dass dieser Text, so pointiert wie er geschrieben ist, die Zahl Eurer Freunde in gewissen Kreisen nicht gerade steigern wird. Respekt!


amelia   2010-03-21  
Interessenkonflikte scheinen mir ein besonders brisanter Punkt zu sein. Auch Medizinjournalisten ohne einschlägige Ausbildung dürften ja in der Lage sein, so etwas zu recherchieren, wenn sie wollen. Trotzdem unterschlagen Studienautoren diese Information anscheinend immer wieder und kommen häufig damit durch.

Das Argument, dass den Journalisten die notwendigen Fachkenntnisse fehlen, eignet sich also auch nicht immer als Rechtfertigung.


hockeystick   2010-03-21  
Die Methodik bleibt erstaunlich unklar:
Between October and December 2004, a total of 907 German primary care physicians were asked to provide data on 30 of their patients with hyperlipidaemia requiring treatment (diet and/or medication). The selection of patients and their treatment was left to the discretion of the managing physician. All participating practitioners used their knowledge of the patient to estimate the car- diovascular risk subjectively. It was also left to the discretion of the physicians to use a risk assessment chart or scoring table.
Ich würde das mal so interpretieren, dass Außendienstmitarbeiter von MSD/Essex Pharma kooperativ oder bedürftig erscheinenden Medizinern wertig gestaltete Ordner mit oder ohne dezentem Inegy-Logo in die Hand gedrückt haben und ihnen für jedes ausgefüllte Blatt darin um die 25 Euro gezahlt haben. Das wären dann rund 750 Tacken pro teilnehmendem Doc.

Nur so ein Bauchgefühl. Kann mir nicht vorstellen, dass das Budget der Uniklinik Lübeck mal eben knappe 700.000 Euro für eine solche Datenbasis hergibt. Mit dem Geld könnte man für einige Mannjahre Personal einstellen und richtige Forschung betreiben. Von den Kosten, an die Mediziner überhaupt erst mal heranzukommen, ganz zu schweigen.

Und satte 5 Jahre Vorlauf zwischen Datenerhebung und Publikation sind auch bemerkenswert. Meine Vermutung ist, dass die Lübecker Truppe gar nicht von Anfang an in die "Studie" involviert war.


strappato   2010-03-21  
Furthermore, the contact with physicians was via employees of a pharmaceutical company.

Mal zusammengefasst:

- Keine Randomisierung.
- Keine objektiven Kriterien beim KHK-Risiko.
- Keine Kontrolle der Leitlinien gerechten Zielbestimmung.
- Keine für klinische Studien geschulten Clinical Research Associate (CRA) bzw. Site Manager bei der Datenerhebung und -kontrolle.

Wie haben die Reviewer des European Heart Journal das überhaupt durchgewunken? Die Zeitschrift hat einen Impact-Factor von immerhin 8,917.

Meine Vermutung. Da haben in den letzten Jahren einige Journals das Ding zurückgehen lassen. Daher die Verzögerung von 3-4 Jahren.


hockeystick   2010-03-21  
Wirklich überraschend ist das auch nicht. Auf der Liste der Reviewer ("International Editorial Board") stehen Leute wie Georg Nickenig, die ebenfalls für MSD/Essex Pharma in Sachen Inegy unterwegs waren.


bironium   2010-03-31  
darauf erstmal spiegeleier mit frühstücksspeck. in butter gebraten.


sfinxx   2010-04-02  
Auch nach einiger Zeit des Mitlesens ist mir zwar noch immer nicht so ganz klar, was genau dieser Blog sein oder erreichen will. Aber so viel glaube ich verstanden zu haben: dies ist ein Ort, wo rational und wissenschaftlich argumentiert wird oder werden soll - jedenfalls soweit es um Arzneimitteltherapie im weiteren Sinn geht und was noch so dazugehört. Und als solches ist hier zweifellos eine Oase nicht nur im Internet. Was im übrigen eigentlich mehr gegen die anderen spricht als für den Blog - rationale Argumentation in rationalen Angelegenheiten sollte ja wohl eigentlich der Normalfall sein.

Daß vor alllem wirtschaftliche - wissenschaftsfremde - Interessen Wissenschaft infiltriert haben, so daß sie zu weiten Teilen ihre Glaubwürdigkeit als neutrale Instanz verloren hat, die definitionsgemäß frei ist von partikularen Interessen das muß man - hier - ja eigentlich nicht mehr extra sagen. Daß das aber leider nicht viel daran geändert hat, daß allem, was mit Wissenschaft zu tun hat oder sich darauf beruft, schon fast blind geglaubt wird wohl auch nicht.

Eine Gefahr, der dieser Blog hier gelegentlich erliegt scheint mir, "eminenzbasierte Medizin" mit umgekehrten Vorzeichen. Ich habe keine Zweifel, daß alles zuvor Gesagte auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Cholesterin zutrifft und was so alles damit zusammenhängt - also auch für die "Studie", um die es hier geht.

Aber reicht das? Ist die Kritik an der Studie und der Beleg, daß sie wohl von ganz bestimmten Interessen geleitet sein muß denn schon allein mit dem Nachweis geleistet, daß die Autoren auf der Gehaltsliste der Pharmaindustrie stehen? Sollte man nicht ein paar inhaltlich-wissenschaftliche Argumente dafür anführen, warum die Methodik "windig" ist? Wenn man 1. das sauber macht und 2. das mit den Interessen stimmt, sollten die Gehaltslisten nur noch das Tüpfelchen auf dem "I" sein.

Ausgangspunkt dieser Studie ist ja: "Die Kenntnis der Leitlinien verbessert die Therapie". Unabhängig davon, ob diese Aussage für sich genommen wissenschaftlich haltbar ist, unterstellt sie, daß diese Leitlinien selber wissenschaftlich abgesichert sind. Es gibt zwar gute Gründe das in Zweifel zu ziehen. Aber der Studie vorzuwerfen, daß sie sich auf existierende Leitlinien bezieht, würde auch wieder zu kurz greifen. Erst recht wenn man davon ausgeht, die Autoren hätten ein Interesse daran, daß die Leitlinien so sind wie sie sind. Aber zu beweisen wäre ja, wieso die Methodik *dieser* Studie "windig" ist. Eigentlich keine so schwere Übung.

Daß selbst wissenschaftlich gut abgesicherte Leitlinien in der Praxis oft nicht befolgt werden, ist ja kein Geheimnis. Die übliche Erklärung dafür lautet, daß es den Ärzten an Wissen fehle. Das ist auch in dieser Studie unterstellt. Dabei gibt es dafür keine Beweise. Ebenso wenig ist bewiesen, daß sie es besser machten, wenn sie denn dieses Wissen hätten. Es wird auch - leider - nicht untersucht. Nicht, daß ich behaupten wollte, Ärzte wüßten alles, was sie wissen sollten. Ich halte es nur nicht für den GRUND.

Die Studie will klären, ob diese Leitlinien bei den Ärzten auch bekannt sind und in der Praxis auch richtig angewendet werden - so sagt sie. Daß diese Frage auf die LDL-Zielwerte eingegrenzt wird, mag war interessegeleitet sein, scheint mir aber - für sich genommen - auch nicht falsch.

Aber in ein und derselben Studie auch gleich im Vorbeigehen nebenbei noch mit beweisen zu wollen, daß mangelnde Kenntnis von LDL-Zielwerten bei den behandelnden Ärzten das kardiovaskuläre Risiko erhöhen, DAS kann nicht funktionieren. Es setzt nämlich voraus, daß alle anderen Risiken (außer der LDL-Zielwert-Kenntnis der Hausärzte), die in der Hausarztpraxis so vorkommen dafür keine Rolle spielen. Und bekanntlich gibt es sogar eine ganz Reihe von denen. Welche - das ändert sich ja auch öfter mal.

Was, wenn der Arzt zwar das LDL-Behandlungsziel richtig einschätzt und auch erreicht - aber der Patient zuckerkrank wird und einfach nicht aufhört zu rauchen? Oder wenn er nicht mitmacht, und einfach kein Statin nehmen will? Umgekehrt weiß ich von vielen Hausärzten, die sich um diese Zielwerte gar nicht scheren, ihre Patienten aber dennoch nicht unbedingt "falsch" behandeln. Sie schicken sie zum Facharzt oder ins Krankenhaus und folgen deren Empfehlungen. Und wenn die sich an die Leitlinien halten... Jedenfalls wäre das eine ziemlich große Studie, die GANZ anders angelegt sein müßte.

Die Schlagzeile "Schlechte Hausärzte treiben Infarkt-Raten hoch" ist also schon ALLEIN DESWEGEN falsch: sie wird in dieser Studie gar nicht untersucht. Dieser Herr Latussek muß ein Hellseher sein. Fragestellung der Studie war ja noch nicht einmal, ob die Studienärzte ihre Patienten auf den "richtigen" LDL-Wert eingestellt haben. Das ist nochmal was anderes. FÜR diese Studie wurde soweit ich das erkennen konnte kein einziger Cholesterinwert gemessen.

"Das Ergebnis sind zwischen 50 und 80 zusätzliche Herzinfarkte, Schlaganfälle und Herztode pro 1.000 Einwohner über einen Zeitraum von zehn Jahren - Fälle, die vermeidbar wären, wenn die Patienten konsequenter behandelt würden." schreiben übereinstimmend und weitgehend wortgleich Welt, Berliner Morgenpost, Hamburger Abendblatt, Reuters, .. Diese Weisheit stammt wohl von diesem Professor Schunkert. Aber keiner fragt, woher DER die denn wohl hat? Aus der Studie folgt das nämlich nicht.

Da hätten wir also schon ein paar gröbere methodische Fehler, noch bevor überhaupt Studiendesign und - durchführung selber genauer unter die Lupe genommen worden sind. Eigentlich reicht es, nur die Einleitung mit wachem Verstand zu lesen.

Wenn man aber sich die Studie genauer anschaut - oh je! Da hätte man viel zu tun, wollte man alle Fehler analysieren.

Aber man kann es sich auch ganz einfach machen. Wieso braucht es genau 907 Ärzte und 30 Patienten pro Arzt? Sind diese 907 Ärzte repräsentativ? Oder auch die 27.210 Patienten? Nicht umsonst werden meist bei einer der ersten Auswertungen in solchen Studien die demographischen Charakteristika untersucht und geprüft, wie weit sie mit denen der Population übereinstimmen, für die die Studie valide Aussagen machen will. Tun sie das nicht, gelten die Ergebnisse nur für die Studienteilnehmer, sind also nicht oder nur sehr begrenzt auf andere Ärzte oder Patienten übertragbar. Und dann ist der Kuchen eigentlich schon gegessen. Es sei denn es wird sauber dargelegt, warum bestimmte Abweichungen keinen Einfluß auf das Ergebnis haben können. Z.B. dürfte die Frage, ob die beteiligten Ärzte verheiratet sind hier wohl keine Rolle spielen.

Hier erfährt man dazu rein gar nichts. Allein schon deswegen sind Aussagen wie: "Schlechte Noten für Hausärzte" (Welt) oder gar "Viele Hausärzte bei Behandlung von Herzpatienten überfordert" (Hamburger Abendblatt) unzulässige Verallgemeinerungen - Behauptungen, die sich aus dieser "Studie" gar nicht ergeben KÖNNEN.

Möglicherweise wäre es im Interesse der Gesundheit der Patienten ja sogar besser, es wäre so. Nämlich wenn zu "strenge" Leitlinien viele von ihnen zu Herzpatienten machen, die gar keine sind. Eben das passiert übrigens auch in dieser Studie. Wenn man mal alles bisher Gesagte außer acht läßt, und mitrechnet in 10% der Fälle. Ich weiß gar nicht, wie ich auf den Gedanken komme, daß das im wahren Leben noch viel, viel öfter vorkommt?

DAS sollten sich Medizinjournalisten an sich allein schon mit ihrem gesunden Menschverstand überlegen können: daß man nicht mit einem Studiendesign ein Dutzend verschiedene Forschungsfragen auf einmal beanworten kann, daß und warum es sich um verschieden Forschungsfragen handelt, daß irgendwo nachvollziehbar dargelegt sein sollte, warum die Studienpopulation repräsentativ ist und wofür, und ob die Ergebnisse überhaupt verallgemeinert werden können. Mehr muß man m.E. nicht wissen um sagen zu können, daß diese Studie zu nichts taugt - außer vielleicht für die Werbung. Wenn das dann auch noch durch die Gehaltslisten untermauert wird ...


watchdog   2011-03-29  
Lipid-Liga
Liebe Blogger, über die Lipid-Liga ist hier ja schon einiges geschrieben worden. Auf ihrer Internetseite brüstet sie sich auch mit Veröffentlichungen in den Medien. Cholesterin-senkung wird dort immer noch als DAS Mittel beschrieben, um koronaren Krankheiten vorzubeugen. Mich interessiert: Was wisst ihr über die "vermeintliche Unabhängigkeit" der Lipid-Liga?








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