Experten-Shopping

Auf meinem Schreibtisch liegen zwei "Fälle", die sehr schön zeigen, wie die Pharmaindustrie den Wissenschaftsbetrieb für ihre Zwecke instrumentalisiert.

Vorwort
Jeweils ein neues Produkt (X und Y), das nicht so ohne weiteres von den Krankenkassen in Deutschland und anderen europäischen Ländern erstattet werden wird. Als Argumentationshilfe soll eine pharmakoökonomische Studie dienen. Bei dem einen Produkt eine "burden of disease study" und beim anderen eine "cost-effectiveness study". Die eine Studie findet in 5 Ländern statt, die andere in 3 Ländern. Der Hersteller gibt die Studie bei einem privaten Forschungs-/Beratungsunternehmen in Auftrag.

Produkt X
1. Akt
Die Studie wird durchgeführt und es werden Experten befragt.

2. Akt
Nun steht die Publikation an. Es wird ein zweiter Dienstleister beauftragt, der ein Abstract/Poster für eine wissenschaftliche Tagung einreicht und herstellt. Als Autor fungiert einer der professoralen Experten, der gleich noch ein paar von seinen Mitarbeitern als Co-Autoren mitbringt, die an der Studie nicht beteiligt waren. Das ist dann wohl sowas wie eine Belohnung für treue Versallen. Der Kongress ist am anderen Ende der Welt. Was der Experte mit einem Urlaub verbindet. Noch mal zur Anmerkung: Der Professor hat lediglich sein Wissen und seine Einschätzung eine Stunde bei einem Interview eingebracht. Und seinen Namen.

3. Akt
Nun soll das auch noch in einem Journal publiziert werden. Jetzt sind auch die professoralen Experten in den anderen Ländern gefragt. Immerhin haben sie auch 2 Jahre zuvor jeweils eine Stunde ihr Wissen zu dem Werk beigesteuert. Und natürlich ein angemessenes Honorar erhalten. Das von einem weiteren externen Dienstleister erstellte Manuscript wird von ihnen abgesegnet und unter ihrem Namen als Autoren publiziert.

Abgang
Eine win-win-Situation: Für die Professoren bedeutet dies ein paar verdiente Euro und eine Publikation ohne eigenen Aufwand in ihrer Publikationsliste. Das Pharmaunternehmen hat einen Beweis für den ökonomische Relevanz und den möglichen Nutzen des Produktes und kann dies mit anerkannten Experten schmücken. Weitere gemeinsame Aktivitäten nicht ausgeschlossen.

Produkt Y
1. Akt
Auch hier muss die Studie erstmal durchgeführt werden. Was aber in diesem Fall komplexer ist, da dies eine Datenerhebung in mehreren Kliniken/Praxen erfordert. Es werden Zentren gesucht, die Erhebungsbögen erstellt und diese an einen dritte externe Dienstleister in den jeweiligen Ländern zur Durchsicht gegeben. Die äussern Bedenken, die jedoch nicht berücksichtigt werden, aber man kann nun guten Gewissens sagen: Es hat eine Validierung stattgefunden.

2. Akt
Die Analyse überspringen wir. Die gute Nachricht muss unter die scientific community gebracht werden. Wieder werden externe Dienstleister beauftragt jeweils für das entprechende Land eine Publikation zu erarbeiten. Als Autor fungiert in jedem Land ein professoraler Experte, der gute Kontakte zum Pharmaunternehmen pflegt und zum Abschlussbericht 2-3 Anmerkungen einbrachte. Deutlicher: Der Autor hatte mit der Studie selber nichts zu tun. Seine guten Ratschläge entsprachen denen des ersten Dienstleisters, nur dass sie diesmal so gut es ging in die Analyse im Nachhinein eingestrickt wurden.

3. Akt
Der Artikel schafft es durch das peer-review-Verfahren in eine angesehene wissenschaftliche Zeitschrift. Für alle beteiligten Experten und Dienstleister ein wenig überraschend. Aber da fragt man besser nicht nach, wie Pharmakonzerne Verlage und Herausgeber überzeugen können.

Abgang
Wieder win-win: Die nicht überzeugende Methodik und die schwachen Ergebnisse werden vom Glanz des Expertennamens überstrahlt. Der Autor hat eine Publikation in einem Journal mit anständigen impact-Factor. Was wiederum sehr nützlich für weitere Berufungsverhandlungen und die Verteilung der inneruniversitären Gelder ist.

Schlusswort
Um das Publikum nicht zu langweilen oder zu überfordern wurden längst nicht alle Details ausgebreitet. Man könnte von beiden Vorgängen ein interessantes Kapitel in einem noch zu schreibenden Buch füllen.
 
[Wissenschaft]
Autor: strappato   2006-11-17   Link   (3 KommentareIhr Kommentar  



 

freshmilk

Zur Abwechslung mal ein Internet-Tipp:

Freshmilk web-tv. Berichte aus der Berliner Kultur-Szene.

Ein Internet-Video-Angebot, das zu den ersten in Deutschland gehörte. Schon online, als woanders nur ruckelnde bunte Bilder in Briefmarkengrösse zu sehen waren.

Highlight der aktuellen Ausgabe: Ein Interview mit Blixa Bargeld und Ausschnitte aus der neuen DVD über das Konzert der Einstürzenden Neubauten in der Palast der Republik-Ruine am 4.11.2004.
 
[Internet]
Autor: strappato   2006-11-16   Link   (0 Kommentare)  Ihr Kommentar  



 

Medikamentenskandal in Polen

Unser Nachbarland Polen wird von einem Medikamenten-Skandal erschüttert. Der Arzneimittelhersteller Jelfa aus Jelenia Góra (Województwo Dolnośląskie - Niederschlesien) hat bereits vor Wochen ein falsch etikettiertes Medikament in Umlauf gebracht. In Packungen des Anti-Allergie-Präparats Corhydron befindet sich ein starkes Betäubungsmittel, das kurzfristig auch die Atemwege lähmen kann.

Mittlerweile sind 27 Todesopfer ermittelt, die das Medikament regelmässig eingenommen haben. Die Menge betroffenen Packungen soll zwischen 15.000 und 29.000 liegen und damit erheblich über dem, was das Unternehmen anfangs angegeben hatte.

Nach Berichten der Zeitung Der Standard herrschten in dem Unternehmen skandalöse Zustände - aber auch im polnischen Gesundheitsministerium. Der oberste Arzneimittelinspektor Zbigniew Niewojt verfügte nach Informationen der Tageszeitung "Rzeczpospolita" bereits vor einem Monat über Hinweise auf die nicht gewünschte Wirkungsweise von Corhydron. Er ließ zwar die Produktion stoppen und verbot die Auslieferung des Mittels. Niewojt versäumte es jedoch, den Gesundheitsminister zu informieren.

Der Gesundheitsminister Zbigniew Religa hat daher schon in der letzten Woche seinen Rücktritt angeboten.
 
[Ausland]
Autor: strappato   2006-11-16   Link   (0 Kommentare)  Ihr Kommentar  



 

Gabapentin case-study

In der Regel kommen Informationen über die unerlaubten Marketing-Aktivitäten von Pharmakonzernen nur zufällig und unsystematisch an die Öffentlichkeit. Ein Gerichtsverfahren in den USA wegen unerlaubten off-label Marketings beim Medikament Gabapentin ermöglicht nun einen tiefen Einblick in die Methoden des Pharmamarketing. Betroffen ist das Unternehmen Parke-Davis, damals eine Abteilung von Warner-Lambert (Werner-Lambert wurde im Jahr 2000 von Pfizer übernommen).

In einem Artikel beschreiben vier Wissenschaftler, die dafür 8.000 Seiten unternehmensinterne Dokumente gesichtet haben, wie das Pharmamarketing alle Bereiche eines Pharmakonzerns beeinflusst. Die Autoren legen dar, dass nicht nur die direkten Aktivitäten, wie Anzeigen, sondern auch Weiterbildungsveranstaltungen für Ärzte und Patienten, bis hin zur Forschung, wissenschaftliche Veröffentlichungen und Vergabe von Stipendien im Dienst der Vermarktung eines Medikaments stehen.
Steinman MA, Bero LA, Chren MM, Landefeld CS. Narrative review: the promotion of gabapentin: an analysis of internal industry documents. Ann Intern Med 2006;145:305-307.

Ihrem Fazit kann man ohne weiters zustimmen:
There is widespread agreement that commercial interests should not influence the clinical decisions that physicians make on behalf of their patients. As a result, a complex system has evolved to help manage these conflicts, focused primarily on disclosure and self-regulation by physicians, professional organizations, and the pharmaceutical industry. These efforts have been largely ineffective, and the techniques used to promote gabapentin illustrate how commercial interests can intrude into the practice of medicine in both visible and hidden ways. Incremental efforts to strengthen the existing patchwork of guidelines are unlikely to be sufficient in an environment where marketing is so deeply embedded and where the borders between research, education, and promotion are more porous than is commonly recognized. New strategies are needed, including rigorous regulatory oversight, strict sequestration of commercial and scientific activities, and a fundamental internal reevaluation of the interactions between individual physicians, professional organizations, and industry.

In einem Beitrag in der San Francisco Business Times bringt der Journalist Daniel S. Levine es auf den Punkt:
To borrow from Moyers, it may be that research and medical education is what pharmaceutical companies don't want you to know. Everything else is marketing.

Er bezieht sich dabei auf eine Rede seines Kollegen Bill Moyers über das Versagen der Journalisten, die der Regierung die Meinungsbildung überlassen, weil sie nur Pressemitteilungen wiederholen und bei der Information der Leser über Hintergrund und Kontext versagen. Moyers sagte: "I came to see that news is what people want to keep hidden and everything else is publicity". - und Levine zeigt damit für mich auch die Mitschuld der Wissenschafts- und Medizinjournalisten an diesem Zustand.
 
[Ethik & Monetik]
Autor: strappato   2006-11-15   Link   (2 KommentareIhr Kommentar  



 



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