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Big Brother Award an Novartis Novartis kann sich mit dem deutschen Big Brother Award schmücken. Grund der Ehrung in der Kategorie Arbeitswelt: Der Pharmakonzern hat keine Hemmungen Betriebsratspost zu öffnen, gibt vertrauliche Selbstevaluationen der Mitarbeiter weiter und engagiert Detektive, um den Pharmaberatern im Aussendienst auf die Finger zu sehen. Zumindest beim Letzteren nimmt Novartis den Preis möglicherweise stellvertretend für andere Pharmaunternehmen entgegen. Denn der Einsatz von Detektiven ist in der Pharmabranche soll nicht selten sein. Selbst arbeitnehmerfreundliche Arbeitsrichter sehen Verstösse gegen das Arzneimittelgesetz und Spesenbetrug nicht so gerne - was Abfindungen spart. Novartis bleibt auch sonst nichts erspart. Laut indymedia haben 15 Personen am Donnerstag im Bildungszentrum der Stadt Nürnberg einen internen Kongress des Pharmakonzerns Novartis besucht, und dabei massiv gestört. Dabei wurden auch im Umfeld Flugblätter verteilt und Parolen gerufen, um auf die Rolle des Konzerns im Patentstreit um Medikamente aufmerksam zu machen. [Pharmaindustrie]
Ghost management Tipp: Ein Artikel im Open Access Journal "PLoS Medicine". Ghost Management: How Much of the Medical Literature Is Shaped Behind the Scenes by the Pharmaceutical Industry? In extreme cases, drug companies pay for trials by contract research organizations (CROs), analyze the data in-house, have professionals write manuscripts, ask academics to serve as authors of those manuscripts, and pay communication companies to shepherd them through publication in the best journals.
Würde ich mittlerweile als Normalfall sehen, kann aber auch nur die eingeschränkte Perspektive aus meiner beruflichen Erfahrung sein.Die Lösung, die Sergio Sismondo, der Autor, anbietet ist eher unrealistisch und verkennt die enormen finanziellen Mittel, die dafür von den Pharmakonzernen eingesetzt werden. Universities should also take disciplinary action against investigators who serve as authors on ghost-managed articles. Meanwhile, investigators need to be aware of the mechanisms of ghost management of work that goes under their names, and to refuse to participate. Perhaps they need to be more modest about how many articles they can publish, and more realistic about the amount of effort, legwork, and/or creativity it takes to publish an article. [Wissenschaft]
Avastin: Genentech schliesst Apotheken aus Auch in den USA greifen Augenärzte zum preiswerteren Avastin®, um Patienten mit altersbedingter feuchter Makuladegeneration (AMD) zu behandeln. Dies ist für viele Patienten die einzige Möglichkeit ihr Augenlicht zu erhalten, da sie die Kosten für das erheblich teurere Lucentis® nicht aufbringen können. Der Hersteller Genentech will dieser Praxis einen Riegel vorschieben, wie die NY Times berichtet. Avastin® soll von den Grosshändlern nicht länger an Apotheken verkauft werden, die den Wirkstoff in kleinere Einheiten für den Einsatz bei AMD teilen. Um die Reaktionen bei Ärzten und Patienten zu mildern, kündigt Genentech in einem Brief an die Ärzte ein Programm an, das finanziell klamme Patienten unterstützt. Klassische PR-Methode - Zuckerbrot und Peitsche. We recognize this change may require some adjustment on your part and are acknowledging this by notifying you seven weeks prior to the change taking effect. In addition, I would like to reiterate Genentech's commitment to patient access to our approved products. We have always believed that no eligible patient should go without one of our approved medicines due to financial barriers alone. As such, we have invested in a dedicated support services organization to assist with providing patients access to our medicines. Specific to Lucentis, we offer The LUCENTIS Commitment™, a comprehensive support program dedicated to facilitating timely reimbursement. In der letzten Quartalskonferenz mit Analysten musste Genentech einräumen, dass nur die Hälfte der AMD-Patienten in den USA Lucentis® erhält. Beim Preisunterschied von $ 2000 für die Dosis Lucentis® gegenüber $ 50 für Avastin® ist dies ein erheblicher potentieller Umsatzverlust. In den ersten 6 Monaten brachte Lucentis $ 420 Millionen Umsatz in den USA. Eine Milliarde geht da Genentech locker verloren. Da kann man dann auch ein paar Millionen für das Programm zur Unterstützung mittelloser Patienten ausgeben. [Avastin - Lucentis]
SiCKO in den Feuilletons Morgen läuft Michael Moores Film SiCKO über das US-amerikanische Gesundheitswesen in Deutschland an. In Österreich am Freitag. Weiter geht es mit Reaktionen in den Medien. Für Joachim Hentschel in der FAZ hält SiCKO für einen absolut haarsträubenden, ärgerlichen Film. Nein, nur weil er tendenziell auf der humanistisch und politisch guten Seite steht, muss man Michael Moores Populismus nicht verteidigen. Ob er die kubanischen Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben korrekt zitiert, ob er die Nöte europäischer Kassenpatienten verschweigt und sich - übrigens ein ziemlich hirnrissiger Vorwurf an einen Dokumentarfilmer - nur die Fälle herauspickt, die ihm in den Kram passen, das ist nicht der Punkt. „Sicko“ zeigt doch vor allem, wie irrsinnig viel Platz im Vorwahlkampf-Amerika selbst noch rechts der Mitte sein muss, wenn ein prominent Liberaler wie Moore schon reiche Ärzte als Gewährsleute auftreten lässt und am Ende sogar das Mitleid mit den erkrankten Helfern nach den Terroranschlägen für seinen Argumentationsgang nutzt. Susanne Ostwald verweist in der NZZ gleichfalls darauf, dass Moore sich einem Missstand widmet, der hinlänglich bekannt ist. In dem Film sieht die Jourmalistin lediglich die bekannte penetrante Selbstbeweihräucherung. Vollends lächerlich wird Moores Feldzug, wenn er mit «Helden» des 11. September, die seit ihrer Mithilfe bei den Bergungsarbeiten unter Gesundheitsproblemen leiden und keine Unterstützung erhalten, nach Guantánamo segelt, weil die Gefangenen dort angeblich bestens medizinisch versorgt werden. Als er erwartungsgemäss abgewiesen wird, begibt er sich mit seinen Mitreisenden in die Hände des kubanischen Gesundheitswesens, die ihm freilich freudig entgegengestreckt werden. Denn nur Fidel Castro versteht sich besser auf antiamerikanische Propaganda als Michael Moore. In der Netzeitung wird SiCKO von Sophie Albers als "Film der Woche" vorgestellt. Versprechungen an den Realitäten zu messen und unbedingt beim Wort zu nehmen ist eine Kunst, die Moore virtuos beherrscht. Dass es zuweilen zum cheap shot verkommt, sollte man nicht den Bösen zu Gute halten, die Moore immer wieder mit Namen und Adresse nennt. Er nutzt die gleichen Mechanismen wie die, die er angreift. Aber er deckt dabei eben tatsächlich auch auf. Und dieses Ad-absurdum-Führen der Werbebildchen der egozentrisch-kapitalistischen Gesellschaft ist immer wieder sehr befreiend. Man darf diesen Propaganda-Elefanten nur nicht zu ernst nehmen. Besonders die emotionalen Momente beeindrucken Jana Blanck, die für die Märkische Allgemeine eine Besprechung verfasst hat. Dennoch sollte man froh sein, dass es die Nervensäge Michael Moore und Filme wie "Sicko" gibt, denn er reicht trotz allem wichtige Themen an ein breites Publikum weiter und deckt katastrophale Missstände in den USA auf. Auch wenn diese Dokumentation alles andere als objektiv ist, ist sie dennoch empfehlenswert. Dass SiCKO in Europa nicht die thematische Brisanz der vorigen Filme Michael Moores hat, bemerkt Karin Zintz in der Wormser Zeitung. "Sicko" funktioniert in Ländern mit einem besser funktionierenden Gesundheitssystem eher anders herum: Der deutsche Zuschauer freut sich darüber, dass er trotz Praxisgebühr und Arzneimittelkosten überhaupt noch so gut und günstig versorgt wird. Jessica Düster im Kölner Stadt-Anzeiger scheinen besonders die tragikkomischen Szenen zu gefallen. Bei Moores Bildungsreise durch die vermeintlichen Versicherungsparadiese Frankreich und Großbritannien können einem auch als deutschem Kassenpatienten die (Lach-)Tränen kommen. Insgesamt ist diese Sendung mit der dicken, frechen Maus eher darauf ausgerichtet, ein amerikanisches Publikum aufzuklären. Dem Unterhaltungswert ist das dennoch kaum abträglich - besonders im gekonnt zwischen Irrwitz und Tragik pendelnden Finale, in dem der Typ mit der Baseball-Mütze ganz lässig allen Kritikern seiner Methoden vorführt, warum er so einflussreich ist. Der Zweck heiligt die Mittel, so der Tenor von frida in opinio, dem Leserportal der Rheinischen Post. Natürlich geht es bei einer solchen Aktion für Michael Moore auch um propagandistische Zwecke. Aber er ist nunmal ein bekennender Polemiker und scheut sich auch nicht, auf dem Emotionsklavier die Noten rauf und runter zu spielen. Was auch nicht zu verurteilen ist, denn mit nackten Daten und Fakten allein erreicht man tatsächlich niemanden. Da wir alle gerne vernunftgesteuert wären, tatsächlich aber emotionsgesteuert sind, brauchen wir halt die krebskranke Frau, die nach Kanada fährt mit dortigem „Schein“-Lebensgefährten zwecks kostenloser Behandlung, um unser Interesse wecken zu lassen. Dem Autor des Jugendmagazins chilli.cc aus Österreich fehlen die Überraschungsmomente. Zum einen beweist Moore, auch abseits wütender politischer Propaganda sehenswerte und nachdenkliche Dokumentationen produzieren zu können, zum anderen allerdings versinkt er hierbei zu oft in schamloser Emotionalisierung, die kaum etwas zur Argumentation beiträgt aber zumindest aufwühlt. So ist „Sicko“ kein Meisterwerk á la „Roger & Me“ oder „Bowling for Columbine“, aber auf jeden Fall eine sehenswerte Dokumentation mit genügend Denkanstößen, um auch nachhaltig im Gedächtnis des Zusehers zu verweilen. Markus Grill nutz SiCKO im Stern zu einer Generalabrechung mit der Pharmaindustrie und dem Trend zur Privatisierung im Gesundheitswesen. In Deutschland sorgt die Gier der Pharmamultis nur dafür, dass Kassenbeiträge steigen und weniger Geld für Ärzte und anderes zur Verfügung steht. Noch kann Europa stolz auf sein staatliches Gesundheitssystem sein. Doch je mehr wir den Phrasen der Privatisierungs-Ideologen erliegen, je weniger wir uns für Gesundheitspolitik interessieren, desto schneller werden wir am eigenen Leib erleben, was wir jetzt noch mit Schaudern im Kino sehen. -- Ein Tipp für die Leser aus Österreich: Als Mitglied der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten kommt man zum Sonderpreis von 5 Euro in den Film. Wie ich unser Nachbarland liebe. [SiCKO]
Kopfschmerzen bei Bayer Wegen des Verdachts verbotener Preisabsprachen bei rezeptfreien Arzneimitteln wie Aspirin hat das Bundeskartellamt am Donnerstag Büros des Pharma-Konzerns Bayer durchsucht. Wenn man sich die Preise für rezeptfreie Arzneimittel ansieht, könnte man auf die Idee kommen, dass auch andere Unternehmen bei den Preisgestaltung nachhelfen. [Pharmaindustrie]
Lilly hält Studiendaten von Cialis zurück Ein schönes Beispiel, das deutlich macht, warum die Öffentlichkeit der Pharmaindustrie nicht glaubt, hat Ed Silverman im blog "Pharmalot" ausgegraben. Eli Lilly ist sehr stolz darauf, dass das Unternehmen alle Studiendaten veröffentlicht. Nach dem immer noch anhaltenden Zyprexa-Desaster sollte dies das Vertrauen in das Unternehmen wieder herstellen. Alle? Nicht ganz. Das gilt nicht für die Potenzpille Cialis®. Die Resultate von 7 klinischen Studien bleiben unveröffentlicht - ohne Begründung. Vertrauenwürdiges und transparentes Handeln sieht anders aus. [Ethik & Monetik]
Pharmaindustrie: Moody's sieht Zukunft düster Die Rating-Agentur Moody's setzt die Aussichten der Pharmabranche von "stable" auf "negative". [Pharmaindustrie]
Anklagen im Betrugsskandal um Fördergelder Gestern wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Bochum im Betrugsskandal um das Inkubator-Zentrum an der Fachhochschule Gelsenkirchen erste Anklagen erhoben hat. Focus online sieht FH-Prof. Werner N. und den Radiologen Rainer S. , einen früherer Praxiskompagnon von Prof. Dietrich Grönemeyer, auf der Anklagebank. Hingegen stützt sich die Westdeutsche Zeitung auf Angaben des Sprechers der Staatsanwaltschaft, nach denen Anklage gegen den FH-Professor N. sowie den früheren Leiter eines Werksärztezentrums, Roland Sch. erhoben werden soll. Bei soviel Beschuldigten, die sogar in U-Haft -- Update Im Deutschlandfunk wird die Version vom Focus bestätigt. [FH Gelsenkirchen]
Echte Innovation Lucentis® zur Behandlung der feuchten altersbedingten Makuladegeneration (AMD) wurde kürzlich von Ophtalmologen im Rahmen einer Umfrage der Fachzeitschrift PharmaBarometer zum innovativsten Produkt des Jahres gekürt. Innovativer finde ich Avastin®, ein für Darmkrebs zugelassenes Medikament, zur Behandlung der AMD einzusetzen. Wenn man sarkastisch wäre, könnte man Lucentis® als "me-too"-Präparat bezeichnen. [Avastin - Lucentis]
Österreich: Exorzismus hoffähig Österreich ist ja nicht nur für seine Totenkultur bekannt ("der Tod muss ein Wiener sein"), sondern hat auch ein spezielles Verhältnis zur Psychiatrie. Ein Drittel der Österreicher ist der Ansicht, dass Freud in Österreich nicht genug gewürdigt wird. Ein erfolgreicher Kongress der amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft zum Thema "Religion und Psychiatrie" war Anlass auch im kleinen Österreich die Fachwelt zu dem Thema einzuladen. Leider ist dem hochkarätig besetzten Beirat entgangen, dass im Programm ein evangelikal geprägter Referent auftauchte, der unglückliche Homosexuelle von ihrer Orientierung heilen will. Weiterhin dabei: Ein Exorzist, dann ein katholischer Theologe, der mit Gebet und Meditation "geistlich heilen" will, und ein Homöopath und Impfgegner, der Mitglied des Opus Dei ist. Nebenbei gehört dem Orden auch der Hauptveranstalter an. Ein Artikel in der Presse deckt Details auf. Es verwundert daher nicht, dass der Exorzist im Programm bleibt, ist doch das Teufelsaustreiben Bestandteil der katholischen Lehre und Liturgie und es werden auch unter Papst Papst Benedikt XVI., einem Förderer des Opus Dei, weiter Exorzisten ausgebildet und bestellt. Von den über zwanzig Experten im Beirat trat bis jetzt nur ein Einziger (der Innsbrucker Wolfgang Fleischhacker) zurück. Die typisch östereichische Lösung: Zwar sagt der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, dass Exorzismus überhaupt nichts mit psychiatrischer Behandlung gemein habe und daher auch abzulehnen sei. Es sei eine Methode, die letztlich eine Ungeheuerlichkeit darstelle, wenn sie bei psychisch Kranken angewendet werde. Jedoch langt ihm, dass der Veranstalter zugesagt hat, in zwei Workshops das Pro und Kontra darzustellen. Das Kontra, von der Psychiatrie, und das Pro aus dem Bereich der katholischen Kirche. Religionskritiker Siegmund Freud würde sich sich im Grabe umdrehen. [Oesterreich]
Übernahmegerüchte bei Sanofi-Aventis Wie wird heute der Chef von Sanofi-Aventis im Interview mit der FTD zitiert? Aus Speks Sicht wurde "die Sanofi-Aktie traditionell immer wieder von Fusionsfantasien getragen". Dies sei nun vorbei. Es habe sich die Einsicht durchgesetzt, dass ein aus Sanofi und einem anderen Konzern fusioniertes Unternehmen kaum noch zu managen sei. Vielleicht hätten die Journalisten der FTD mal aktuell nachfragen sollen, vor der Veröffentlichung. Gestern legte die Aktie 2,1% zu, Montag 1,8%. Analysten geben als Grund Gerüchte über eine Übernahme durch Pfizer an. [Pharmaindustrie]
SiCKO in den Feuilletons Am nächsten Donnerstag läuft Michael Moores Film SiCKO über das US-amerikanische Gesundheitswesen in Deutschland an. In Österreich einen Tag später. Weiter geht es mit Reaktionen in den Medien. Die FTD lässt einen Gesundheitsökonomen den Film vorstellen. Wolfgang Greiner relativiert die Situation in den USA und lenkt den Blick auf die Zukunft in Deutschland. Der Trend geht auch in Deutschland zu mehr Wettbewerb, was der Autor nicht bedauert. Welche Bedeutung hat also "Sicko" für europäische Zuschauer? Es besteht leider die Gefahr, dass sich für die meisten der Genuss in wohligem Grusel erschöpfen wird. Wie bei einem typischen Hollywood-Film ist man letztlich froh, nicht Teil des Geschehens zu sein. Doch wir sollten es uns im Kinosessel nicht zu bequem machen: Die wettbewerbliche Umgestaltung des Gesundheitssystems ist unumgänglich - wegen der sonst steigenden Kosten, insbesondere in einer alternden Gesellschaft, aber auch wegen eines tendenziell teurer werdenden medizinischen Fortschrittes. Auch Andrian Kreye weist in der Süddeutschen Zeitung auf die über die Situationsbeschreibung in den USA hinausgehende Bedeutung hin. Nun gibt es bei uns keine amerikanischen Verhältnisse. Doch Moore hat sich mit "Sicko" eines globalen Problems angenommen. Es geht ihm ja nicht um die Millionen Unversicherten in Amerika, sondern um die Bürger mit Krankenversicherung. Und weil die Konzerne auch in den erodierenden sozialen Marktwirtschaften Europas nach Lücken forschen, wird Michael Moore mit "Sicko" erstmals nicht nur Vorurteile bestätigen, sondern als Kassandra auftreten. Schon im Juli zum Start des Films in den USA hatte die taz die Hintergründe und die Reaktionen dort erklärt. Im aktuellen Kommentar hebt Bert Rebhandl auf die Polemik des Films ab, ohne zu registrieren, dass bei der Frage von Leben oder Tod durch die Verweigerung oder Übernahme der Behandlungskosten, aus der unsachlichen Kritik schnell Zynismus wird. "Sicko" kümmert sich nicht um die Unterschiede zwischen Selbstironie und kalkulierter Naivität, zwischen "dumm sein" und "sich dumm stellen". Das liegt ganz einfach daran, dass der Kalauer das Genre dieses Films ist. Was an Dokumentarischem noch mitgeliefert wird, stellt den USA kein gutes Zeugnis aus, die Polemik drumherum verfestigt aber eher die ideologischen Fronten, auch wenn Michael Moore sicher das Gegenteil im Sinn hatte: eine paradoxe Intervention. Selbst der grössten Zeitung Österreichs, der Krone ist SiCKO ein paar Zeilen wert. Christina Krisch schiebt es auf die bekannten Verhältnisse in den USA. Felix Austria. Anfeindungen prallen an Moore wie immer ab. Es ist, als wollte man einen T-Rex mit einer Federboa verdreschen... Und so hält der provokante "Anwalt der kleinen Leute" bestehende Vorerkrankungen eines ganzen Polit-Systems akribisch in seiner filmischen Anamnese fest. Im SWR sieht Kathrin Häußler in SiCKO einen von Michael Moores Kämpfen für eine bessere Welt. Vieles ist heillos übertrieben, kitschig, oft auch absurd - unterhaltsam ist "Sicko" allemal. Denn wie in seinen bisherigen Filmen streut Moore jede Menge sarkastische Bemerkungen ein, die dem Ganzen einiges von seiner messianischen Ernsthaftigkeit nehmen. Dass Moore seine Kranken nach Guantánamo schleppt, mutet allerdings sehr seltsam an. Um seine Thesen zu untermauern, ist dem Provokateur wohl jedes Mittel recht - je drastischer desto besser. Fragt sich nur, ob das deutsche Publikum sich genauso brennend für das US-Gesundheitssystem interessiert wie Herr Moore. Stefan Benz besinnt sich im Darmstädter Echo auf die einfachste Moral, die der Zuschauer aus dem Film ziehen kann. Man kann sich „Sicko“ also anschauen und die armen, kranken Amerikaner bedauern. Man mag sich angesichts dieses Films aber auch daran erinnern, was so ein Sozialstaat wert ist und was droht, wenn man die Medizin zu einer Ware wie jede andere macht. Nicht zuletzt deshalb ist „Sicko“ sehenswert. Der Artikel im Züricher Tagesanzeiger lässt die Hilflosigkeit angesichts der Szenen erkennen. Die polemischen Prioritäten waren da ganz klar, auf Differenzierung kam es nicht an. Aber der gesundheitlich spürbare Erfolg heiligte die Mittel. Man darf «Sicko» einen Film nennen, mit dem einer bei der Wahrheit bleibt im Bewusstsein, dass Propaganda, auch wo sie Recht hat, halt immer ein wenig lügt. Geradezu eine Lobeshymne für den Film kommt im Focus von Robert Thielicke. Nach Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) geben die Vereinigten Staaten 15,4 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für die medizinische Versorgung aus, fünf Prozent mehr als Deutschland. Dennoch schaffen sie es nur auf Platz 37 der WHO-Rangliste weltweiter Gesundheitssysteme, zwölf Plätze hinter Deutschland. Pharmakonzerne freuen sich über saftige Gewinnspannen, gleichzeitig ist die Säuglingssterblichkeit eine der höchsten der Industrieländer. Und so ist der Film für Zuschauer hierzulande Trost und Mahnung zugleich. Denn so viel am deutschen Gesundheitssystem zu bemängeln ist – eine nahezu vollständige Privatisierung macht es kaum besser. Else Buschheuer erinnert sich in westropolis an ihren eigenen Aufenhalt in den USA, wo sie wegen der Kosten auch meist gewartet habe, bis sie ich ziemlich krank war. moore ist wie zahnschmerzen, aber zahnschmerzen sind, wie wir wissen, ein wichtiges signal dafür, dass irgendwo was modert. ob der typ nun ein weltverbesserer ist oder ein routinierter schmock, eins steht fest: seine filme haben wucht. [SiCKO]
Verschwörungspathologie Das ist eine Verschwörungspathologie, die Sie da haben. Der Historiker Wolfgang Wippermann zu Eva Herman in der denkwürdigen Kerner-Sendung. [Quotes]
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