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Gelobtes Land Mal eine Meldung aus dem gelobten Land. Alle unzufriedenen deutschen Ärzte drohen ja damit, dorthin auszuwandern: Grossbritannien. Zwei von drei Krankenhäusern in Großbritannien haben nicht genug Geld, um alle Stationen am Laufen zu halten.. Der Untersuchung zufolge fehlen den staatlichen Kliniken in diesem Jahr mindestens 1,2 Milliarden Pfund (rund 1,95 Milliarden Euro). Rund 4.000 Arbeitsplätze – darunter hunderte Stellen von Krankenschwestern, -pflegern und Ärzten – sind ebenfalls in Gefahr. Dazu muss man wissen, dass in UK alle Fachärzte in Kliniken sind. In den Praxen tun nur Allgemeinärzte Dienst. Nicht nur die stationäre Versorgung ist also in Gefahr, sondern die fachärztliche insgesamt. Im Detail (Artikel leider online nur gegen Bezahlung): Die Ausgaben des NHS haben sich in den letzten 5 Jahren verdoppelt. Davon ging die Hälfte in die Arztgehälter, was die Ärzte des NHS zu den Bestverdienern weltweit machte (+50% Lohnzuwachs). Im Vorwahlkampf 2005 wurde versucht, die Wartelisten auf Facharztbesuche und Operationen mit allen Mitteln zu reduzieren. Nicht ohne Erfolg. Mit unter 800.000 Patienten ist dies die kürzeste Liste seit 1998. Kaum jemand wartet länger als 6 Monate auf einen operativen Eingriff. Die Kehrseite des Erfolgs ist, dass nun die Rechnungen kommen und die Kliniken grosse Löcher im Budget haben. Die Steigerungsraten bei den Arzneimittelkosten sind auch in UK ein grosses Problem. Aber während in Deutschland Arzneimittel einen Anteil von 15,7% an allen GKV-Ausgaben haben, sind es im NHS nur 12,2%. Die Lösungen aus aus der Krise sind jedoch unterschiedlich. In Deutschland geht der Weg eher zu mehr staatlichen Regulierungen, in Grossbritannien soll mehr Wettbewerb das Gesundheitswesen flottmachen. So können seit Anfang des Jahres die Versicherten zum ersten Mal selbst eine Klinik aussuchen in der sie operiert werden wollen. Es wird erwartet, dass dies jedoch zur Schliessung kleinerer Krankenhäuser führen wird. Auch in Grossbritannien brechen Reformzeiten an. Ob dort die deutschen Ärzte glücklicher werden? [Ausland]
Seehofers Reformen Seehofer schaltet sich in die Reformdiskussion ein und droht erstmal: Der Minister kündigte an, er werde als CSU-Parteivize und Chef der Christlich-Sozialen Arbeitnehmerschaft an der Meinungsbildung für die Gesundheitsreform mitwirken. Seinen mangelnden Realitätssinn kann man dieser Äusserung entnehmen: Die Reform müsse in den nächsten Monaten „organisch hinter verschlossenen Türen“ entwickelt werden. Dabei denkt er wehmütig an seinen grössten Erfolg zurück: Als er 1992 das Amt des Gesundheitsministers von der völlig überforderten Gerda Hasselfeld übernahm, ordnete er erst einmal eine Klausur an. Über Wochen wurde eine Gesundheitsreform verhandelt, ohne dass die Öffentlichkeit informiert wurde. Am Ende stand das Gesundheitsstrukturgesetz (GSG). Im Rückblick war es der Anfang der Misere, vor der wir heute stehen. Die damals beschlossen umfangreichen Eingriffe des Staates in das Gesundheitsssystem haben zu der Bürokratie und Unzufriedenheit geführt:
Nur: Hinter verschlossenen Türen wird dies nicht abzuhandeln sein. Dazu noch ein Linktipp für alle, die sich grundsätzlich über die Interessen und Konflikte informieren wollen: Chancen einer Gesundheitsreform in der Verhandlungsdemokratie [Reform]
Panikstimmung So langsam brodelt die Panik: FDA warns about fake bird-flu drugs. Obwohl in Amerika - im Gegensatz zu Europa - noch kein Fall dieser Zoonose aufgetreten ist. In Deutschland haben die Bundesländer noch nicht wie von der WHO empfohlen, für 20% der Bevölkerung Neuraminidasehemmer eingelagert, für den Fall einer Grippe-Pandemie - wenn der Erreger der Vogelgrippe zu einem von Menschen auf Menschen übertragbaren Virus mutiert. Man darf gespannt sein, wie im Ernstfall in Deutschland die Panik unter Kontrolle gebracht werden soll: Fest steht, daß bei einer Pandemie Virenhemmer und Impfstoffe nur in begrenztem Maß zur Verfügung ständen. Um eine öffentliche Entscheidung, in welcher Reihenfolge unterschiedliche Teile der Bevölkerung versorgt werden sollten, haben sich Bund und Länder bisher gedrückt. Um die Zahl der Toten zu minimieren, müßten Ältere Priorität bekommen, heißt es im Nationalen Pandemieplan, um den Staat zu schützen, Ordnungskräfte und Politiker. Solle der wirtschaftliche Schaden gering gehalten werden, müßten Kinder Vorrang erhalten. Ein klassisches Triage-Problem bahnt sich an. Mein Tipp: Vorräte anlegen. Im Ernstfall bricht das öffentliche Leben zusammmen. Aber da stösst man wieder an ein Dilemma: Wie soll man propagieren, dass die Bevölkerung Vorräte anlegen soll, ohne dass Panikreaktionen ausgelöst werden - die auch angesichts der derzeitigen Lage vollkommen ungerechtfertigt wären. [Public Health]
Professionell an die Wand Ist noch aus dem letzen Jahr, aber beispielhaft: Betriebswirt/in für Management im Gesundheitswesen - ein neues Karriereangebot für Arzt- und Tierarzthelfer/innen und Zahnmedizinische Fachangestellte - so die Pressemitteilung des Bundesinstituts für Berufsbildung. Neue Versorgungsstrukturen, die Verlagerung vom stationären in den ambulanten Pflegebereich, eine verstärkte Herausbildung von Praxisverbünden sowie ein modernes Praxismanagement stellen veränderte Qualifikationsanforderungen auch an die Praxis-Helfer/innen. In den Weiterbildungsangeboten für Arzt- und Tierarzthelfer/innen sowie für Zahnmedizinische Fachangestellte wurden diese veränderten Qualifikationsanforderungen bisher kaum berücksichtigt. Ich kann nicht glauben, dass es unter den über 130 Studiengängen und unzähligen Weiterbildungsangeboten keine Qualifizierung für Arzthelferinnen gibt. Wie wäre es damit, zufällig gefunden, da auf der Liste ganz oben: Kontaktstudiengang Gesundheits- und Sozialmanagement? Seit einigen Jahren schiessen Ausbildungen und Weiterbildungsangebote im Gesundheitswesen wie Pilze aus dem Boden. Das alles wird unter "Gesundheitswirtschaft" subsumiert, welches ein schrecklicher Begriff ist, der von denselben Technokraten geprägt wurde, die morgen die Hafenwirtschaft fördern und übermorgen der Entsorgungswirtschaft auf die Sprünge helfen wollen. Patienten sind aber, anders als See- oder Abfall-Container, kein Logistik-Problem. Dahinter steckt nicht so sehr der Bedarf, als vielmehr die Verzweifelung. Gesundheit gilt als einer der wenigen Wachstumsektoren. Googel spuckt unter Gesundheitswirtschaft über 319.000 Treffer auf deutsch aus. Entsorgungswirtschaft bringt es nur auf 129.000. Dementsprechend wollen sich die Kommunen als "Gesundheitsregionen" etablieren. Wer sich zu Gesundheitsregion informieren will, kann zwischen 40.000 google-Treffern wählen. Allein die Weiterbildungsstudiengänge bilden konservativ geschätzt mehr als 1500 Absolventen jährlich aus. Hat dies unserem Gesundheitswesen bisher genützt, oder muss man froh sein, dass diese Experten-Armada dem deutschen Gesundheitswesen nicht sonderlich geschadet hat? [Gesundheitswirtschaft]
Zurückrudern Die Proteste der Kassenärzte zeigen Wirkung: Nach einer Meldung der Berliner Zeitung soll der Gesetzentwurf nachgebessert werden. Die Grenze, ab der finanzielle Abschläge in Kauf genommen werden müssen, soll von 5-10% über den vereinbarten Tagestherapiekosten, die sich bei wirtschaftlicher Verordnungsweise ergeben, auf 10-15% angehoben werden. Dagegen haben die Patienten keine Lobby: Die drohenden Mehrkosten für Patienten durch die Absenkung der Festbeträge soll durch einen Wegfall der gesetzlichen Zuzahlung abgemildert werden, wenn die Medikamente deutlich unter dem Festbetrag liegen. Jedoch ist hier nur ein Versuch in einer Testregion angedacht. Überhaupt scheint dieser Punkt im Gesetzentwurf nicht so richtig durchdacht. Auf die ungeklärten Auswirkungen der Rabattvereinbarungen habe ich schon hingewiesen. Interessant ist, dass überlegt wird, wie Krankenhäuser zu einer wirtschaftlichen Verordnungsweise gezwungen werden können. Das Gesetz behandelt ja bisher nur den Bereich der niedergelassenen Ärzte. Wenn am Ende Krankenhäuser trotz DRGs nicht mehr frei in der Wahl der Medikamente sind, dann wäre dies ein weiterer Schritt zum staatsreglementierten Zuteilungssystem. [Arzneimittel]
Rabattschlacht Das Verbot der Naturalrabatte ist ja ein Punkt in dem Gesetz zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit in der Arzneimittelversorgung. Ob's hilft? Unwahrscheinlich, die Pharmakonzerne werden andere Wege finden. Ein Apotheker sagte mir, demnächst werden die Pharmakonzerne ihm Regalmeter abkaufen, um ihre Produkte zu präsentieren. Eine Konzept, das man vom Einzelhandel kennt, wo Hersteller nur in die Regale der Handelskonzerne kommen, wenn sie Regalplatzierungen kaufen. [Apotheken]
Löcher stopfen Die angekündigte Reform ist Zukunftsmusik. Einstweilen müssen Löcher geflickt werden und da hat Frau Schmidt die Arzneimittelkosten als grösstes Loch ausgemacht. Diese sind 2005 um rund 16% gestiegen und damit doppelt so hoch, wie in den Richtgrössenvereinbarungen der Krankenkassen mit den niedergelassenen Ärzten vorgesehen. Die 3,5 Milliarden Mehrausgeben bedeuten nach der Faustformel: 1 Beitragssatzpunkt = 10 Millarden Euro, dass der Anstieg der Arzneimittelkosten den Beitragssatz zur gesetzlichen Krankenversicherung um 0,3 Punkte gesteigert hat. Darüber hinaus kann man gegen die bösen Pharmakonzerne und die gutverdienenden Apotheker schiessen, was diesen Ausgabenbereich für die Gesundheitsministerin besonders attraktiv macht. Lösung: Ein Gesetz zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit in der Arzneimittelversorgung (AVWG). Das Gesetz soll 2006 eine Entlastung von 1 Milliarde Euro bringen. Am Mittwoch, dem Tag, an dem tausende Ärzte auf die Strasse gegangen sind, fand die Anhörung des Bundestagsgesundheitsausschuss zum Gesetzentwurf statt. Die in die Rede gekommenen Naturalrabatte der Pharmafirmen an die Apotheker sollen verboten werden, genauso wie Praxissoftware, die bestimmte Hersteller bevorzugt, auch ist ein Preismoratorium für 2 Jahre vorgesehen. Was aber auf besonders erbitterten Wiederstand stösst, ist die geplante Bonus-/Malus-Regelung. Sie sieht vor, den Vertragsärzten Geld vom Honorar abzuziehen, wenn bestimmte Grenzwerte in der Medikamentenverordnung überschritten werden und - was neu ist - Ärzten boni für besonders sparsame Verordnung zu gewähren. Die Bundesgesundheitsministerin spekuliert offensichtlich auf eine "honorarverbessernden Minimaltherapie". Dann hätten wir eine verschärfte Version des Medikamentenbudgets - das übrigens von Frau Schmidt nach ihrer Amtsübernahme als Art "vertrauensbildende Massnahme" abgeschafft wurde. Zur Erinnerung: Ärzte verweigerten die Verschreibung von Medikamenten mit Hinweis auf das Budget, Patienten wurden auf grosse Überweisungstour geschickt, in der Hoffnung, dass der Kollege die Medikamente zu Lasten seines Budgets verschreibt. Die im Gesetzentwurf vorgesehenen Veränderungen bei den Festbeträgen könnten im Extremfall bewirken, dass nur noch 45% der Verordnungen ohne Zuzahlungen der Versicherten zu erhalten sind, da Erstattungsgrenzen durchgängig stark gesenkt werden sollen. Somit werden viele Präparate anders als früher weit über dem neuen Festbetragspreis angeboten werden. Die vorgesehene Möglichkeit von Rabattverträgen zwischen Krankenkassen und Hersteller ist bei 250 Krankenkassen in Deutschland eine ganz besondere Herausforderung, aber wird wahrscheinlich ins Leere laufen. Warum sollten Pharmaunternehmen freiwillig flächendeckend Rabattverträge anbieten, wenn sie andererseits nicht bereit sind, Preissenkungen auf den Festbetrag vorzunehmen? Fazit: Patienten, Ärzte Apotheker, Hersteller - keiner bleibt ungeschoren. Eine Vorgeschmack auf die grosse Reform. Da klingt die Reform-Ankündigung der Minsterin eher nach einer Drohung: ..., dass künftig jeder in diesem Land versichert ist, jeder den Zugang zu allen notwendigen medizinischen Leistungen auf der Höhe des medizinischen Fortschritts hat und dass jeder sich an der Finanzierung des Gesamtsystems angemessen beteiligt. [Arzneimittel]
Warum? Anke Gröner wünscht sich mehr monothematische blogs. Hier soll eines entstehen. Thema: Gesundheitswirtschaft und Gesundheitspolitik. Es brennt im deutschen Gesundheitswesen an allen Ecken und Enden. Ende März wird die Bundesgesundheitsminsterin ihre Reformkonzept vorstellen, aber der Verteilungskampf hat schon begonnen. Eine interessante Zeit steht uns bevor, in der die Weichen für die Zukunft gestellt werden. Grund genug dies mit einem blog zu begleiten. Zufällig ist es auch ein Thema, von dem der Autor eine Menge versteht, aber davon werden sich die Leser ein eigenes Urteil bilden können. Stationäre Aufnahme? Da werden die schweren Fälle hin überwiesen. Unser Gesundheitswesen gehört dazu.
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