SBK veröffentlicht Rezepte

Die Siemens Betriebskrankenkasse (SBK) informiert auf Sonderseiten in der Mitgliederzeitschrift ihre eine Million Versicherten über die von der Krankekasse ausgehandelten Rabattverträge für Medikamente. Gleichzeitig werden erhalten die Leser jedoch auch Einblick in die Rezepte von zwei Patienten.

Auf einem Foto, das mit "Es ist Ihr Geld“ – die SBK setzt sich für einen effizienten Mitteleinsatz ein" untertitelt ist, sind zwei Rezepte zu sehen.

Was in der pdf-Version nicht lesbar ist, kommt im gedruckten Heft für Leute mit einigermassen guten Augen zum Vorschein. Der Name der Patienten, Wohnort, Geburtsdatum und die Angaben zu den verschriebenen Medikamenten. Aus den Informationen lässt sich leicht die Erkrankung herauslesen. In einem Fall ein junger Mann, mit einem Leiden, mit dem man als Patient ungern in einer Zeitschrift mit einer Auflage von 500.000 Exemplaren stehen würde.

Das Foto ist nach meinen Recherchen 2008 in der Schiller Apotheke in Frankfurt aufgenommen worden und wird über eine Fotoagentur vertrieben. Die Agentur und der Fotograf sollten kritisch ihren Umgang mit personenbezogenen Angaben überprüfen.

Produziert wird die Mitgliederzeitschrift vom Süddeutschen Verlag onpact GmbH. Bei den dortigen verantwortlichen Redakteuren liegt wahrscheinlich die Hauptschuld für diese Veröffentlichung von Personen- und Verordnungsdaten. Wer jedoch die Kommunikation mit seinen Mitgliedern bei so ethisch relevanten Themen wie Gesundheit und Medizin an "Coporate Publishing"-Dienstleister auslagert, die neben Informationen für Patienten in anderen Produkten Hausbesitzer, Spitzenhotellerie, Kunden von "Kommunikationsarchitekten" oder Interessenten für postgraduale Studiengänge bedient, darf sich nicht wundern, wenn der Hochglanz auf Kosten von Patienten produziert wird.
 
[Journalismus]
Autor: strappato   2011-01-31   Link   (7 KommentareIhr Kommentar  



 

Medizinjournalismus bei der Tagung von "netzwerk recherche"

Am Freitag und Samstag findet im NDR-Konferenzzentrum in Hamburg die netzwerk recherche Jahreskonferenz 2010 unter dem Motto "Fakten für Fiktionen – Wenn Experten die Wirklichkeit dran glauben lassen" statt.

Zwei Veranstaltungen sind mir besonders aufgefallen, weil sie auch Themen hier im Blog waren:

Peter Sawicki wird als Betroffener über das Thema "Vom Medienliebling zur unerwünschten Person" referieren. Moderiert von Markus Grill, der im Spiegel beschrieben hatte, wie systematisch und geplant die Ablösung des IQWiG-Leiters betrieben worden war.

Eine Veranstaltung bestreitet Gerd Antes, Leiter des Deutschen Cochrane-Zentrums, über den Regividerm-Skandal unter dem Titel "Heilung unerwünscht“ – ein PR-Coup für eine Wundersalbe?"

Und dann gibt es noch Stefan Niggemeier, der den Journalisten was über "Blogger als Medienkontrolleure" erzählt.
 
[Journalismus]
Autor: strappato   2010-07-08   Link   (0 Kommentare)  Ihr Kommentar  



 

Das Geschäft mit Empfehlungen

Was von einem Test von Internet-Gesundheitsportalen zu halten ist, bei dem "Mr. Gesundheit" Hademar Bankhofer die Hälfte der zweiköpfigen Jury stellt, können regelmässige Leser dieses Blogs abschätzen. Nun wissen es auch die Leser des Deutschen Ärzteblatts. Michael Hägele, ein Experte für Gesundheitsinformationen, hat im Ärzteblatt den Testbericht von Gesundheitsdiensten- bzw. -portalen in Computer Bild unter die Lupe genommen.

Bei Onmeda hatte Computer Bild aufgrund der Zugehörigkeit zur Axel Springer AG wegen Befangenheit gepasst. Vielleicht besser, da beim von der Stiftung Warentest im letzten Jahr durchgeführten Vergleich kritisiert worden ist, dass dort Betablocker als Medikament bei Asthma vorgeschlagen worden sind. Eine gefährliche Fehlinfo: Betablocker verengen die Bronchien und sind daher nichts für Asthmatiker.

Hägele merkt an, dass Computer Bild-Testsieger imedo in Sachen Asthma ebenso fragwürdige Infos enthält.
Dort befindet sich keinerlei Hinweis auf die „Nationalen Versorgungsleitlinien Asthma“ oder auf das „Stufenschema“, beides wichtige Stützen der Schulmedizin in Deutschland. Stattdessen sehr ausgewählte Hinweise zu möglichen Therapien wie „Foster Spray“, von denen einige (aufgrund von zwei bis drei Nutzerhinweisen) mit „hilft zu 100 %“ bewertet werden. Das und die Empfehlung eines Nahrungsergänzungsmittelportals kann nicht die Beratung sein, die man guten Gewissens empfehlen kann.

Grundsätzlich stellte sich die Frage was von einem Sieger zu halten ist, der beim genaueren Lesen selbst in dem Computer Bild Artikel nicht sehr gut wegkommt.
Mit 1500 unterschiedlichen Foren macht IMEDO viel Eindruck, ist aber nicht besonders übersichtlich. Denn der Nutzer gelangt erst über die Auswahl einer Themengruppe zu den Foren, und das kann dauern. Die Antworten waren beim Testsieger vergleichsweise gut, eine Expertenhilfe gab´s allerdings nicht. Dafüer überzeugte der Mitgliederbereich mit einer Vielzahl an Funktionen. So bot er die Möglichkeit, Forumsbeiträge für einen eingeschrängten Nutzerkreis zu veröffentlichen.

Man könnte meinen Bankhofers Engagement hat bei dem Test Spuren hinterlassen. Zum einen hat, wie Hägele schreibt, es ein Portal auf die Empfehlungsliste geschafft, das von einem Unternehmen betrieben wird, dessen Nahrungsergänzungsmittel ausführlich in einer Sendung der Reihe Spektrum Gesundheit von Bankhofer vorgesellt worden war.

Zum anderen freut sich der Kommunikationsleiter der imedo GmbH über den Sieg im Computer Bild Test. Vielleicht hat er mit dem Juror zusammen darauf angestossen? Eine positive Erwähnung in der auflagenstärksten deutschen Computerzeitschrift mit einer Reichweite von über 3 Millionen Lesern wäre Grund zu feiern. Denn die beiden verbindet seit Jahren mehr als das Interesse am Thema Gesundheit.

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Update
Vielleicht mussten sie sich die Flasche zu Dritt teilen. In den Kommentaren wurde angemerkt, dass der zweite Juror Dr. Plum war, der gerade bei Imedo zum beliebtesten Gesundheitsexperten gewählt wurde. Er hat eine Sendung RheinMain.TV, der Regionalsender, der auch Bankhofer "Spektrum Gesundheit" ausstrahlte.
 
[Journalismus]
Autor: strappato   2010-06-07   Link   (3 KommentareIhr Kommentar  



 

Rezension und Rezeption des Wunderheiler-Artikels

Zu dem Wunderheiler-Beitrag im SZ-Magazin hatte ich dem Autor Werner Bartens, leitender Redakteur im Wissenschaftsressort der Süddeutschen Zeitung, eine E-Mail geschrieben, in der ich näheres über die Studien wissen wollte, die Werner Bartens als Fakten in dem Artikel beschreibt.
Die Experimente im Labor wurden dutzendfach wiederholt, die Studien in Fachmagazinen publiziert, in denen sie nur erscheinen, wenn andere Kollegen die Untersuchungen begutachtet haben.
Meine Recherchen waren relativ erfolglos, daher erhoffte ich vom Autor Details zu erfahren.

In der Zwischenzeit hatte mein Mitblogger hockeystick ein Posting verfasst, in dem die fehlende Distanz des Artikel im SZ-Magazin kritisiert und die Interessen des im SZ-Magazin gefeierten "Wunderheilers" hinterfragt worden sind.

Als Reaktion erhielt ich eine E-Mail von Bartens, mit dem Vorwurf, "mein" Text sei mit Häme und unredlichen Vorwürfen durchsetzt. Auf meine Frage nach den Studien wird nicht eingegangen. Mal abgesehen davon, dass Werner Bartens offensichtlich nicht verstanden hat, dass es hier zwei Blogger gibt, verweist er darauf, im Posting unsauber zitiert worden zu sein, und stellt klar, dass sein Artikel vorsichtige Formulierungen enthält, wie etwa "womöglich", "ahnt", "ungewiss", "helfen könnte", usw. Es wird ein falscher Eindruck beklagt, ohne zu reflektieren, dass der Artikel im SZ-Magazin mit "Der Wunderheiler - Dieser Mann hat eine Salbe erfunden, die dem Körper helfen soll, sich selbst zu heilen. Fauler Zauber? Nein. Die Salbe wirkt" betitelt ist.

Das Posting war von hockeystick. Aufgrund der E-Mail habe ich mir eigene Gedanken über den Artikel gemacht. Wenn man sich den Beitrag von Bartens genau ansieht, ist es ein Meisterwerk subtiler Andeutungen. Das Wort "Wunder" dominiert, wird jedoch immer wieder halb zurückgenommen. Kaum einem Leser wird auffallen, dass beim Satz "Die Experimente im Labor wurden dutzendfach wiederholt, die Studien in Fachmagazinen publiziert, in denen sie nur erscheinen, wenn andere Kollegen die Untersuchungen begutachtet haben", keine peer-reviewten klinischen Studien mit hoher Evidenz gemeint sind, sondern Laborexperimente an Gewebeproben.

Werner Bartens hat kein Problem damit, sich zu distanzieren: "Sollten die Erprobungen an Hunderten von Patienten ähnlich erfolgreich verlaufen wie die ersten Heilversuche..." - jedoch trotzdem am Ende eine Service-E-Mail-Adresse zu nennen, die den leidgeplagten Patienten Hoffung auf ein Wunder verspricht. Das geht Hand in Hand mit der Präsentation von Kinderschicksalen, die Aufmerksamkeit für das Thema erzeugen. Die emotionale Nähe ist bei Kinden gleich eine andere, als bei übergewichtigen, rauchenden, alten multimorbiden Diabetikern, bei denen durch die Therapie chronisch offene Wunden geheilt werden könnten.

Die Kritik an dem Blog-Posting verliert sich in Wortklauberei. Die Frage der Rezeption sollte jedoch für Journalisten das eigentliche Ziel der Arbeit sein. In SPON war letzte Woche ein Artikel, der beschrieben hat, dass Piloten in schwierigen Situationen nie "Sie brauchen keine Angst zu haben" den Passagieren erzählen sollten. Genauso sollten seriöse Wissenschaftsjournalisten nie das Wort "Wunder" benutzen. Erst recht nicht inklusive Wortkombinationen achtmal im Artikel. Die Reportage suggeriert Heilung für Patienten, die jegliche Hoffnung längst aufgegeben haben und sich an jeden Strohhalm klammern. Es kommen keine Patienten zu Wort, denen Baders Heilversuch möglicherweise doch nicht das Wunder gebracht hat. Für mich fehlt es bei Bartens in dieser Hinsicht an Verantwortung. Aus dieser kommt man auch mit geschickt gesetzten Konjunktiven nicht heraus.

Vollkommen ausgeblendet werden die ethischen Aspekte der "Heilversuche". Medizinethiker sind sich einig, dass die ärztliche Diagnose- und Therapiefreiheit nicht von Forschern missbraucht werden dürfen, um zur Umgehung gesetzlicher Vorschriften Forschungsvorhaben als Heilversuch zu tarnen. Massgeblich ist die an objektiven Kriterien zu messende Zielrichtung des geplanten, immer streng einzelfallbezogenen Vorgehens. Steht allgemeiner Erkenntnisgewinn für die Wissenschaft im Vordergrund, so ist immer Forschung gegeben und Heilversuch sind ausgeschlossen. Heilversuche dürfen daher nicht rechtsmissbräuchlich zum Verschleiern von Pilotstudien oder klinischer Forschung im Allgemeinen eingesetzt werden. Das wird in dem Artikel von Bartens nicht getrennt. Heilversuche, experimentelle Forschung und klinischer Einsatz werden munter durcheinander gebracht und zu einer Wunder-Sosse verrührt.

Der Artikel könnte ein schönes Beispiel für die Anwendung der Kriterien von Gary Schwitzer abgeben, mit denen bei HealthNewsReview.org die Qualität von Medizinlournalismus bewertet wird. Ganz grob:

Werden Kosten diskutiert?
Nein. Der Aufwand für künftige klinische Studien, die Herstellung des Heilmittels, oder organisatorische Voraussetzungen für die Therapie werden nicht erwähnt. Stattdessen wird irgendwas mit 250 Euro genannt - ohne Grundlage.

Wird der mögliche Nutzen abgeschätzt?
Nur an Einzelfällen ohne Berücksichtigung der Versorgungslage.

Werden Nebenwirkungen erwähnt?
Nein. Stattdessen wird immer wieder das Wort "Wunder" gebraucht und ob es auch erfolglose Heilversuche gibt, wird nicht hinterfragt.

Evidenz?
Experimentelle Studien, Heilversuche und künftige klinische Studien werden bunt durcheinander gewürfelt und der jeweilige Evidenzgrad nicht sauber getrennt.

Wird die Erkrankung überschätzt?
Bei einige Beispielen wird sicherlich die Situation des Patienten dramatisiert und progrediente Verläufe als typisch dargestellt.

Therapeutische Alternativen?
Spielen keine Rolle in dem Artikel. Wunder sind nun mal alternativlos.

Ist der Ansatz wirklich neu?
Nicht wirklich, wenn man sieht, dass seit 15 Jahren Gewebezüchtungs-Verfahren auch von anderen Einrichtungen und Unternehmen erforscht und klinisch getestet werden. Was im Artikel kein Thema ist.

Verfügbarkeit?
Bleibt vollkommen offen, aber trotzdem gibt es eine Service-E-Mail-Adresse.

Wer wirbt dafür?
Einzig alleine Bader wird vorgestellt, der ein persönliches und finanzielles Interesse an der Therapie hat.

Interessenskonflikte?
Die vielfältigen geschäftlichen Aktivitäten von Bader und seiner Frau rund um den Therapieansatz sind bei Bartens kein Thema.

Desaströs. Aber auch wenn man die Kriteren des Deutschen Presserates ansetzt, verletzt der Artikel im SZ-Magazin meiner Meinung die Ziffer 14 des Pressekodex.
Bei Berichten über medizinische Themen ist eine unangemessen sensationelle Darstellung zu vermeiden, die unbegründete Befürchtungen oder Hoffnungen beim Leser erwecken könnte. Forschungsergebnisse, die sich in einem frühen Stadium befinden, sollten nicht als abgeschlossen oder nahezu abgeschlossen dargestellt werden.

 
[Journalismus]
Autor: strappato   2010-05-25   Link   (3 KommentareIhr Kommentar  



 

Wundersalbe, die II. (Update)

"Medizin und Wahnsinn" heißt die Kolumne von Werner Bartens, der als "Leitender Redakteur" im Wissenschaftsressort der "Süddeutschen Zeitung" fungiert. Liest man seinen jüngsten Beitrag im "SZ-Magazin", dann kann man diesem Titel eine bislang ungeahnte programmatische Bedeutung zusprechen.

Denn wer nach dem Regividerm-Skandal das Thema "Wundersalben" medial vorerst für ausgereizt gehalten hat, hat nicht mit Werner Bartens gerechnet. Und der setzt sogar noch einen drauf. Denn gegenüber den Wunderwirkungen der von Bartens gefeierten neuen Wundersalbe mutet der Anspruch ihres rosafarbenen Pendants, die Hautkrankheiten Neurodermitis und Psoriasis nebenwirkungsfrei zu heilen, geradezu bescheiden an.

Die neue Wundermixtur kann viel mehr: Sie hilft "Unfallopfern, Diabetikern, Verbrennungsopfern, Tumorpatienten, womöglich auch Nervenkranken und Menschen mit Infarkt oder Schlaganfall". Und Bartens berichtet mit einer Ehrfurcht und Bewunderung über den Wundersalbenerfinder Augustinus Bader, gegen die sich die einschlägigen Ausführungen des Neuen Testaments ("Und Jesus zog umher in ganz Galiläa [...] und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen im Volk") wie nüchterner medizinischer Fachjournalismus ausnehmen:
Auch Harley Sophia bekommt nun Schmerzmittel verabreicht. Zusätzlich werden ihre verbrannten Füße aber mit dem von Augustinus Bader entwickelten Hydrogel behandelt. Bader ist sofort von Leipzig nach München gekommen, als der Vater ihm vom Unglück des kleinen Mädchens berichtet hatte.

Zehn Tage nach dem Unfall in der Badewanne soll die Operation stattfinden, bei der das tote Gewebe beseitigt wird. Doch nach zehn Tagen gibt es für die Ärzte nicht mehr viel zu tun. Die Füße von Harley Sophia sind komplett und ohne Komplikationen zugeheilt, nur die besagte Stelle zwischen dem dritten und dem vierten Zeh am rechten Fuß weist Narben auf.

Bartens schwärmt weiter:
In Wahrheit haben Augustinus Bader und sein Team wahrscheinlich ein fundamentales Prinzip entdeckt und sind dabei, eine neue, revolutionäre Therapie zu entwickeln. Eine Heilkunde, die sich die Selbstheilungskräfte des Körpers zunutze macht und stimuliert. Augustinus Bader, ein blonder Bayer aus Augsburg, der nun als Professor Zelltechnologie in Leipzig lehrt, ist Wissenschaftler durch und durch. Deshalb geht er mit seinen spektakulären Ergebnissen erst jetzt an die Öffentlichkeit, da er sie fachlich abgesichert hat.

Klar, der "blonde Bayer aus Augsburg", von dem die SZ ein so tolles Foto gemacht hat, ist in seinem tiefsten Inneren ein bescheidener Mann. Erst jetzt, wo seine Ergebnisse "fachlich abgesichert" sind, geht er damit an die Öffentlichkeit. Bader, der selbstlose und zurückhaltende Heiler, der nichts verspricht, was er nicht halten kann. Bartens, der intime Kenner der Szene, mit dessen Hilfe die sensationellen Ergebnisse der wirklich großen Wissenschaftler erstmals an die Öffentlichkeit gelangen.

Dass schon vor fünf Jahren, am 13.5.2005, eine Pressemitteilung zu einer von Augustinus Bader ins Leben gerufenen Konferenz unter der Überschrift "Narbenfreie Heilung für Verbrennungsopfer" ähnlich wundersame Erfolge verlautbart hat, soll den Eindruck nicht trüben. Sicher nur ein Versehen der Pressestelle:
Prof. Dr. Hans-Günther Machens, aus Lübeck und Tagungspräsident Prof. Dr. Augustinus Bader aus Leipzig entwickeln eine Therapie für Verbrennungsopfer. Mit dem gezielten Einsatz humaner Wachstumsfaktoren, einem wichtigen Instrument der Regenerativen Medizin, gelingt es ihnen, verbrannte Haut doppelt so schnell und vor allem narbenfrei zu heilen.

Stichwort "fachlich abgesichert". Neben der wundersamen Fußheilung berichtet Bartens noch von einer Handvoll weiterer "Heilversuche" mit dem Wundermittel:
- Bei einem "ehemaligen" Kraftsportler heilte es eine Hüftkopfnekrose ("Inzwischen stemmt der Mann wieder Gewichte")
- Bei einem Kind, das sich mit einer "giftigen Substanz" die Speiseröhre verätzt hatte, injizierte Bader das Mittel in die Speiseröhre ("Das Mädchen wurde gesund und kann wieder normal essen und trinken.")
- Der Berner Sennenhund von Augustinus Bader vergiftete sich mit Schneckenkorn, woraufhin sein Herrchen sich kühn zum Tierversuch entschloss. ("Sechs Stunden später erwachte der Hund aus seinem Dämmerschlaf, zwei Tage später war er wieder zu Hause, wo er bis heute mit den Kindern spielt.")
- Bei einem Bootsunfall verletzte sich ein Freund von Bader, eine Querschnittlähmung "drohte". Bader "ließ ihm seine Wachstumsfaktoren spritzen". ("der Freund bewegt sich heute völlig normal")
- Und schließlich eine MS-Patientin, bei der nicht nur eine große Wunde heilte, sondern die auch ihr gelähmtes Bein wieder bewegen kann. (Die Patientin "rief neulich begeistert bei Bader an".)

Bartens ist lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass nicht alle seine Leser mit solchen Geschichten zu überzeugen sind. Schließlich verfügt ein substanzieller Teil des Personals der katholischen Kirche und auch mancher Provinzheilpraktiker über ein vergleichbares Inventar an Heilerfolgen. Aber Bartens weiß mehr:
Die Experimente im Labor wurden dutzendfach wiederholt, die Studien in Fachmagazinen publiziert, in denen sie nur erscheinen, wenn andere Kollegen die Untersuchungen begutachtet haben.

Arbeitet man sich durch die Publikationsliste von Augustinus Bader, so findet man in der Tat zahlreiche Veröffentlichungen. Viele behandeln die Vermehrung von Leberzellen in Bioreaktoren, ein eher dröges Thema. Langfristiges Ziel solcherlei Forschung ist es etwa, Leberzellen außerhalb des Körpers zu vermehren, um das so entstehende Gewebe außerhalb oder gar innerhalb des Körpers zum Ersatz von Leberfunktionen einzusetzen.

Von seinem Wundermittel konnte ich in der Datenbank PubMed nichts finden. Tierversuche mit dem Mittel, dem logischen und ethisch gebotenen Zwischenschritt auf dem Weg zum Einsatz am Patienten? Dokumentierte Fallberichte bei Menschen, wie sie bei derart sensationellen Resultaten üblicherweise publiziert werden? Fehlanzeige. Auch die Publikationsliste auf der Home-Page des Professors gibt nach gründlicher Durchsicht keine entsprechenden Resultate her. Eine Anfrage der "Stationären Aufnahme" an Werner Bartens von Anfang dieser Woche zu den Literaturstellen, auf die er in seinem Artikel anspielt, blieb bis heute unbeantwortet.

Wie dem auch sei. In jedem Fall drängt sich der Eindruck auf, Augustinus Bader sei der Idee nicht ganz abgeneigt, mit seinem geheimnisvollen Heilverfahren ein wenig Geld zu verdienen. Bartens schreibt:
Bader hat für seine Heilmittel den Begriff »Sanamander« eingeführt - das Wort setzt sich zusammen aus »sana« (für gesund) und »Salamander«, dessen Schwanz sich von allein regeneriert, wenn er verletzt wird.

Diese geistreiche Wortschöpfung hat sich Bader in der Tat beim Deutschen Patent- und Markenamt schützen lassen, und zwar zunächst als Wort- und jüngst auch als Wort-Bild-Marke. Natürlich hat es sich auch die Domains "sanamander.com" und "sanamander.de" gesichert. Nicht er persönlich, aber eine Bionethos Alphacells GmbH, die in dem alten Herrenhaus in der Nähe von Leipzig residiert, das früher einmal eine Außenstelle des Leipziger Klinikums war, und das er mit seiner Familie bewohnt. Geschäftsführerin der Bionethos Alphacells GmbH ist eine Dr. Sabine Bader, vermutlich seine Ehefrau.

Die Bionethos Alphacells GmbH teilt sich Anschrift und Telefonnummer mit einem beeindruckenden Strauß an klangvoll benannten Firmen: Der Bionethos Holding GmbH (der Firmenname findet sich in zahlreichen Patentanmeldungen von Bader, sie wurde im April 2009 aufgelöst), der Bionethos Innovation GmbH, der Bionicor GmbH (aufgelöst im April 2009), der Genedrugs GmbH und der International Foundation Regenerative Medicine GmbH. Letztere dient als Veranstalter der von Bader ins Leben gerufene Konferenz zur "Regenerativen Medizin". Augustius Bader selbst fungiert nur bei der Bionethos Innovation GmbH als Geschäftsführer; in den anderen Fällen findet sich der Name Dr. Sabine Bader.

Bei einer derartigen beruflichen Belastung verwundert es nicht, dass dem Professor bislang noch keine Zeit für klinische Studien mit seinem Wundermittel geblieben ist.

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Update, 25.5.: Rezension und Rezeption des Wunderheiler-Artikels (von Strappato)
 
[Journalismus]
Autor: hockeystick   2010-05-15   Link   (17 KommentareIhr Kommentar  



 

SPIEGEL räumt klammheimlich Wachkoma-Ente ein

Im vergangenen November hatten wir zunächst über Zweifel an einer aufsehenerregenden Geschichte berichtet, wonach der belgische Patient Rom Houben nach 23 Jahren im vermeintlichen Wachkoma mit dem SPIEGEL ein Interview geführt hätte. Demnach wäre er die ganze Zeit bei vollem Bewusstsein gewesen, ohne dass dies jemand bemerkt hätte. Einige Tage später, nachdem für uns keine Zweifel mehr daran bestanden, dass es sich bei der Geschichte um eine Ente handelt, hatten wir die Entstehung von Manfred Dworschaks spektakulärer Falschmeldung noch einmal nachgezeichnet.

Nachdem der SPIEGEL in seiner Ausgabe von vergangenem Montag die Falschmeldung de facto eingeräumt hat, hat das Bildblog die Geschichte nun aufgegriffen:
Im aktuellen "Spiegel" muss Dworschak einräumen, dass Rom Houben nicht auf diese Weise mit ihm reden konnte. Die Richtigstellung hat das Nachrichtenmagazin unauffällig in einem langen Artikel über neue Ideen der Hirnforschung versteckt.

 
[Journalismus]
Autor: hockeystick   2010-02-22   Link   (1 KommentarIhr Kommentar  



 

Traumberuf Medizinjournalist (XVIII)

In Österreich gilt die Apotheker Krone als Print-Medium der ersten Wahl, wenn das Marketing Apotheker erreichen will. Laut Homepage "versorgt die Apotheker Krone alle ApothekerInnen Österreichs mit aktuellem pharmazeutischen Wissen auf hohem Niveau". Qualitätsjournalismus könnte man interpretieren.

In der Ausgabe 1/2010 hat sich eine Doppelseite mit "probiotilka" befasst.


Sieht aus wie eine üblicher Aufmachung. Artikel, Infokästen Literaturliste. Für den Bericht zeichnet sich eine Redakteurin persönlich verantwortlich. Am Ende eine Werbeanzeige - der Verlag muss auch von etwas leben. Nicht sofort fällt auf, dass der Aufhänger ein Symposium einer Fachgesellschaft ist, die sich mit probiotischer Medizin beschäftigt. Gründerin und Präsidentin ist die Dame auf dem Foto in der Anzeige. Beim Medienpartner "Krone Gesund" schreibt sie Kolumnen als Expertin für Darmgesundheit.

Der Inhalt ist eine Sammlung von Erkenntnisse z.B. aus einer Anwendungsbeobachtung von dem zufällig in der Anzeige beworbenen Produkt oder den Resultaten eines Tagungsbeitrags zu einer Studie für ein in der Entwicklung befindliches Produkt des Herstellers des zufällig in der Anzeige beworbenen Produkts.

Beim näheren Hinsehen fällt rechts unten ein kleiner quer gesetzter Schriftzug auf.


Mit gesunden Augen oder angepasster Sehhilfe lässt sich entziffern: "Entgeltliche Einschaltung".


Glück gehabt, doch Qualitätsjournalismus.

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Bei Krone Gesund sieht das so aus: Links die Kolumne zum Thema Verstopfung von der Geschäftsführerin der Unternehmens, das rechts für ein Produkt zur Prävention von Reisediarrhoe wirbt.

Ist ja auch keine Qualitätspresse.
 
[Journalismus]
Autor: strappato   2010-02-02   Link   (2 KommentareIhr Kommentar  



 

10 Thesen zum Ende des unabhängigen Medizinjournalismus

1

Medizinjournalismus mangelt es an Professionalisierung
Drei Dutzend ärztliche Fachgebiete und Weiterbildungen, eine jährlich vierstellige Zahl von Absolventen gesundheitswissenschaftlicher Studiengänge - der Medizinjournalist steht einer Armada von Experten gegenüber. Der Klassiker naturwissenschaftliches Studium und journalistische Fortbildung alleine genügt nicht mehr, um kompetent über die Komplexität des Gesundheitswesens zu berichten und nicht als PR-Organ der Interessensgruppen zu dienen.

2

Medizinjournalismus ist konträr zu den Erwartungen
Die fachlichen Anforderungen werden höher, jedoch fehlt das Interesse an unabhängigen, kritischen Medizinjournalismus als Gegengewicht zur PR. Unternehmen wollen Hoffnung auf Heilung verkaufen, und auch der Leser/Patient verlangt für sein Geld unrealistische Perspektiven, und nicht das Infragestellen durch die Bewertung von medizinischen Innovationen.

3

Wirtschaft und Politik werden für den Medizinjournalismus wichtiger
Medizinische Entwicklungen eröffnen Chancen und interessieren die Öffentlichkeit. Ihre Finanzierbarkeit limitiert die Bedeutung für den Einzelnen und die Gesellschaft. Der Marktzugang bestimmt den Fortschritt. Eine journalistische Begleitung der Verteilung der im Gesundheitswesen zur Verfügung stehenden Mittel und der damit Verbundenen wirtschafts- und gesundheitspolitischen Entscheidungsprozesse ist jedoch nur für eine schmale Zielgruppe von Interesse.

4

Wellness- und Lifestyle- ≠ Medizinjournalismus
Medien müssen bei medizinischen Themen eine Reduktionen der Komplexität vornehmen. Medizinjournalismus internalisiert Verkürzung. Die Herausforderung besteht darin, die medizin-ethische Dimension trotzdem angemessen zu berücksichtigen. Medizinjournalisten benötigen in ethischer Hinsicht ein hohes Mass an Verantwortungsbewusstsein. Stattdessen sind Emotionalisierung und Polarisierung, wie bei Wellness- und Lifestylethemen, von den Medien gefragt.

5

Medizinjournalismus ist gegen Infomüll auf verlorenem Posten
Medizin ist im Internet ein Top-Thema. Kein Publikumsmedium kommt ohne Gesundheitsinformationen aus. Die Öffentlichkeit wird von Tipps und Empfehlungen zu Medizin und Gesundheit erschlagen. Das wenigste davon ist nachrecherchiert und journalistisch aufbereitet. Quantitativ und Qualitativ können Medizinjournalisten den Berg an Infomüll nur ergänzen und dringen nicht durch.

6

Social Media – Erfahrungen statt Medizinjournalismus
Twitter, Facebook, Foren, Blogs, Bewertungsportale – Internetnutzer produzieren Gesundheitsinformationen und kommunizieren persönliche Erfahrungen. Das Internet gibt dem mündigen Patienten die Werkzeuge, die Behandlung nach seinen Bedürfnissen zu gestalten. Das ist die Vision von Health2.0. Ob dies Realität wird, bleibt offen. Für Medizinjournalisten in jedem Fall keine erquickende Vorstellung.

7

Medizinjournalismus ist expertenhörig
Ohne Statements und Einschätzungen von Experten sind Medizinjournalisten hilflos. Dabei verkennen oder ignorieren sie, dass ihre Ansprechpartner, direkt oder indirekt, von den Anbietern der Medikamente oder Behandlungsverfahren bezahlt werden. Industriegelder pflastern den Weg zu akademischen Lorbeeren für Medizinprofessoren. Medizinische Experten mit der Bereitschaft, in der Öffentlichkeit kritisch zu neuen, lukrativen Behandlungen Stellung zu nehmen? Meist Fehlanzeige und damit auch eine unabhängige Berichterstattung.

8

Im Medizinjournalismus wird Scharlatanerie als Kritik verbrämt
Medizinjournalisten stürzen sich gerne auf alternative Behandlungsmethoden. In persönliche Schicksale verpackt stösst das auf Resonanz, weil es leicht verständliches Erfahrungswissen transportiert. „Mr. Gesundheit“, „Fitnesspapst“, „Dr. Diät“, „Prof. Rücken“ – Ratschläge von Selbstdarstellern zählen mehr als Evidenz.

9

Medizinjournalismus ist Notbehelf
Gesetze, die die direkte Information der Patienten durch die Pharmaunternehmen einschränken und die Werbung für Heilmittel erschweren, halten in der Medizin die klassische Funktion des Journalisten als Vermittler am Leben. Falls die Grenzen weiter aufgeweicht werden, wird der Medizinjournalist als PR-Nothelfer weitgehend überflüssig.

10

Es gibt keinen Markt für Medizinjournalismus
Werbefinanzierte Medien sind der Tod des Medizinjournalismus. Das Werbebudget der Pharma- und Medizintechnikindustrie bestimmt den Inhalt. Bleiben nur schmale publizistische Nischen, ein paar kritische Sendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und seltene Artikel in der Qualitätspresse. Kein Markt für qualifizierte Medizinjournalisten.

--
Formuliert von strappato & hockeystick
 
[Journalismus]
Autor: strappato   2010-01-29   Link   (9 KommentareIhr Kommentar  



 

Traumberuf Medizinjournalist (XVII)

Unser Ansatz überzeugte das pharmazeutische Unternehmen Sanofi-Aventis als Mitfinanzier. Dies obwohl – und wohl gerade weil – unsere redaktionelle Unabhängigkeit Bedingung ist. Als deshalb weiterhin redaktionell unabhängige Presseagentur fühlen wir uns allein unseren Lesern verpflichtet und dem Thema „gerechte Gesundheit“.

Das Selbstverständnis zur Unabhängigkeit des Portals Gerechte Gesundheit.
 
[Journalismus]
Autor: strappato   2010-01-04   Link   (2 KommentareIhr Kommentar  



 

Pharmacia ≠ Pfizer

Kritik an der Veröffentlichungspraxis von klinischen Studien ist angebracht. Nur wenn schon im ersten Absatz von ein kapitaler Fehler steckt, klingt es nach blindem Übereifer.

Der Wirkstoff Reboxetin, der seit 12 Jahren als Mittel gegen Depressionen von der Firma Pfizer unter dem Namen Edronax® vermarktet wird.

Wie kann Pfizer seit 12 Jahren ein Produkt eines Untermehmens vermarkten, das erst vor 7 Jahren von Pfizer übernommen worden ist? Pharmacia hat Reboxetin entwickelt, die Studien zur Zulassung durchgeführt, auf den Markt gebracht, Phase IV Studien nach Markteinführung gemacht, und bis zu der Übernahme des Unternehmens durch Pfizer 2002 auch vermarktet.

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In Deutschland ist immer noch Inhaber der Zulassung von Edronax® offiziell die Pharmacia GmbH.
 
[Journalismus]
Autor: strappato   2009-12-12   Link   (1 KommentarIhr Kommentar  



 



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